BEITRAG 1: Ulf Stolterfoht

Funktion folgt Form.                                                                                                                                                                                                                                                                         Rohfassung

(1)

Formallyrik (sprich: Haltung „Anti-Inhaltismus“) nimmt man häufig schon aus Prinzip als „links“ wahr, was auch am Autorbild hängt. AutorIn glaubt häufig: „Ich bin radikal links – und so ist Dichtung von mir!“ Das stimmt ja manchmal sogar, nur hat „Linksdichtung“ und „Radikallyrik“ millionfach möglich Ausartung. So sagt man: Akt von Lyrikhandlung schafft automatisch Opposition, Lyrik IST Opposition: durch Unnutz und Haltung (circa H.C. Artmann) – doch uns ist das zu schwammig!

Kontra-Position: Lyrik mit bittschön: politisch Wirkmacht auf Alltag – nur das ist gut für uns! (circa György Lukács). Auch das ist kaum aushaltbar und wirklich dumm! Was also tun?

Ist ja wahrhaftig diffizil, nämlich so, daß Lyrik nicht nur Kritik übt; ist doch auch so, daß Lyrik das Ding von Kritik anfänglich und tatsächlich mal schafft (Konstruktivismus!), also stark das Globalbild, wo nicht „das Ding an sich“, sichtbar und so kritikfähig macht – stimmt das? Ja, natürlich stimmt das – doch was folgt daraus?

Daraus folgt

a) daß man mal schön vorsichtig ist mit Sprachkritik am Sprachding – da man sich womöglich schuldig macht! Drohung von Zirkularität (Auto-Zirkularität) mit Option „Blödmann / Blödfrau“

und zusätzlich folgt daraus

b) daß man doch anfangs schon acht hat auf das, was man macht und lyrisch schafft – man spart sich so manch Kampf, manch Krampf in Richtung zwanghaft Traditionsbruch..(Doch wo Bruch muß, da soll auch! Klaro!)

und daraus folgt final

c) daß man Kritik nicht übt im Sinn von „Das und das ist überhaupt nicht gut – zügig Abschaffung davon!“ – dafür konstruktiv: Ich bau mir in Lyrik das Ding (womöglich „Staat“), das mir taugt! Dann wart ab, ganz still, und schau, obs kommt!

(2)

Trau Mantik nicht, zuck zag zurück vor „in Funktion“ (im Sinn von „nahm in Funktion“) – trau nur, ich bitt dich: Formung pur.

Wir sind zurück am Ausgangspunkt: Also doch Lyrikform als Matrix für Sozialform?

Nicht ganz, doch so ähnlich. Volkssangs Strophung taugt kaum zum Vorbild (obwohl, obwohl …), doch was ist mit Arno Holz‘ „Phantasus“, mit Walt Whitman, was mit „Howl“ und W.C. Williams? Langlyrik als Platzschaffung für zukünftig Staat? Zu platt? Ja nun! Das ist ja nur Anfang. Ich bin nämlich klug und hab Ahnung! Nun sag – wovon? Von Jandls und Pastiors Dichtung Mikrostruktur. Das birgt Sozialtrost mannigfach. Doch auch, na klar, was folgt!

(3)

Was nämlich ist nun mit Oskar Pastiors Wicklung ins Staatsschutz-Ding, was sagt das aus? Sind Formallyrik und Anti-Inhaltismus dadurch auch schlimm „Stasi-Ding / Arschloch-Ding“? (so Wolf damals in Richtung Sascha) Ist Laborlyrik anfällig für Prostitution und politisch somit wacklig Kantonist? Ja nun: das wirkt im Singulärfall richtig, doch wohl kaum in toto. (Was ganz klar auch stimmt: daß manch Avantgardist zum Fascho wurd – ist so! Nur gilt das natürlich für Traditionalismus zu nahzu achtzig von achtzig!!! ) Warum wirft man das dann nur Laborlyrik vor? Aufgrund von sowohl falsch „Politik“-, als auch falsch „Laborlyrik“-Bild (  „Apos von Avant“ 1962 by Hans Magnus). Das Falschbild sagt: Unpolitisch Sprachjux ist dadurch höchst politisch, daß auch noch sagt. „Bin wirklich unpolitisch, bin tatsächlich nur Spaß!“ (Schau auf analog / adäquat Phänotyp „Nichtwahl ist auch Wahl“ usw.) Das ist natürlich völlig absurd! Das, was als Politlyrik auftritt, ist oftmals Warmluft und Bla-Bla-Bla im Modus 1-zu-1. Und Laborlyrik sagt nun im Grund nur: „Fick das!“ Das ist Art Kosmos, ganz aus Wort! Also nicht Marx contra Pastior – doch: Marx / Gramsci plus Pastior und Jandl. Sagt man so? Darf man das?

(4)

„Ist Matrix vollständig, bist du absolut im Bild“ (H. H.)

Also Fallspaltung.

– Fall A / OLD SCHOOL:

physikalistisch, positivistisch, mit Handlungsvorschrift, sprachkritisch, Marx, Sinnaufbau, mit Aha-Wirkung

– Fall B / NOW SCHOOL:

linguistisch, solipsistisch, mit Handlungsvarianz, dingkritisch, Platon, Sinnabbau, mit kaum Aha-Wirkung

Mir kommt nun Fall B als Glücksfall vor! Wo in Fall A Umwälzung das Ding ist: Landmann wird Vorbild, Fabrikfrau wird Idol usw. – sagt Fall B: Nimm nichts als wirklich wahr, nimms als Sozialkonstruktion – und dann hau drauf! Bums! Da spritzt dir das Konstrukt ums Haupt, was zu Totalchaos führt. Das Wort wird Part von Wälzung! Und dann? Dann sagt das Wort, was ist. „Ich“, sagt das Wort, „ich bin nicht das, was ich im Nachschlagbuch bin, also nicht das, was man so als normal annimmt – ich bin, was ich tatsächlich bin!“ Und was ist das dann – sag rasch an! „Gut: Ich bin Mischung aus Wort und Ding. In mir ist Wälzung schon drin. Und dramatisch Wirkmacht dito!“ Das klingt prächtig, nur schnall ich das noch nicht so ganz!

(5)

Sag zum Stück Holz: Du bist holzartig! Das ist gut, doch ist das wirklich schon Holzkritik?

Sag zum Stück Holz: Du bist dingartig! Auch das ist gut, doch wohl noch nicht Dingkritik.

Sag zum Stück Holz: Du bist wortartig! Das ist richtig gut! Nun fang mit Lyrik an, schau nicht zurück und bau dir das Stück! Das Paßstück – das nämlich ist das Glück!

(6)

Noch mal: Ist solch Art von Lyrik nicht zu riskant? Risiko im Sinn von: total unwirksam? Also nun auch zum Anarchismus-Vorwurf, zum Vorwurf: Spaß-Schwadron vs. Carl Schmitts Bild vom Partisan. Ach, hör auf. Das ist doch wirklich Opa-Schitt. Und „radikalst“ Totalitarismuskritik á la Glucksmann bringt auch nichts. Oft kämpft das Kapital im Hüftschluß von Staatsinstanz und Tradition. Ist so! Das Patronat von FAZ und NZZ (plus Daily Mirror) gibt dir Dröhnung final. Inklusiv ist Flachabgang und Vortrag „Von APO zu RAF“ im TU-Audimax – na toll! Also rasch zurück zur Dichtung. Dichtung ist Brutstatt von Armut und Not. Mach dir nichts vor, mach dir nichts draus – mach dir das zu Nutz! Schaff ein Kommando „Avantguardia“ und mach, ganz autochthon, ganz radikal, das Faß auf! Das brummt, das knallt, das fügt (auch Dir) Qual zu! Und ist nun völlig unbrauchbar, also Maximalprogramm für Minimalpublikum. Was schön ist: das macht überhaupt nichts! Absolut gar nichts! Umwälzung ist das Ding nur für Dich und mich! Du willst das doch auch? Wirklich? Ja? Gut, dann nimm das!

(7)

Das Programm (mit Ablauf):

1) Dichtung mit Stoßrichtung (Minimal: für Abschaffung von Zins und Usura-Ding; für Staatsgarant auf Grundnahrung, Strom, Wohnung, Zug- und Busfahrt, Post, Hospital usw. – Maximal: für Abschaffung von Staat, Kapital, Konsum, Militär und Apparat)

2) Solch Dichtung wird politisch wirksam nur durch Opazität ( = kaum durchschaubar bis vollständig undurchsichtig). Also, ich sag, ich will das und das mit Lyrik, doch das und das kommt dann im Singulärfall gar nicht vor. Du bist also gänzlich ratlos – und das wirkt manchmal produktiv.

3) Nämlich so: Du schaust auf Dichtungsform und schnallst urplötzlich: Ja klar, Funktion folgt Form, und Form sagt dir präzis, was politisch zu tun / opportun ist.

4) Doch halt: Folgt aus Opakdichtung nicht auch fast zwangsläufig Opakaktion?

5) Wär das so schlimm? Wichtig ist doch, was an Umwälzung im Anschluß folgt!

6) und Schluß: Was muß, das muß!

(8)

Frage als Vorab-Fazit: Ist also das, was formal dürftig rumkommt, dann auch funktional schwach? Antwort (sanft ironisch): Ach Gott, das wär ja wirklich Novität! Was politisch Quatsch ist, ist lyrisch natürlich auch Unfug. Was lyrisch ächzt, stöhnt auch sozial. Das sag ich klar im Brustton. Doch daraus folgt: Was Dir lyrisch an Grammata abging, holtst Du Dir politisch mit Urkraft zurück. Das, sag ich, ist Wirkmacht. So macht Dichtung Spaß.

Stopp: Da stimmt was nicht. Das Ausgangsprinzip war doch, daß das, was lyrisch richtig ist, auch politisch stimmt. Art Adäquatprinzip. Und nun? Plötzlich doch falsch? Mir ist nun glücklich gar nichts klar!

(9)

so random rockt dich stamokap. zur klarmachung von was

so knall auf fall rockt dusimir. als dings das flux am knöchi hält:
klar dragoman. ists drusin, was da kömmt? muß wohl! man schauts
am innungs-button typical. so knall auf fall ins ladyland? absolut
NO! sapporos go-distrikt? klar JA! als dings macht abdul auf bru-
tal. ich bitt dich: king crimson nur auf dual. bring marx in dorf-

discos (stil-konzil) und schau! lyrik muß fast faustball (so ähnlich
dario fo). „faustschlag!“ brüllt mann aus rudolstadt. cord-anzug
schmückt dich gut. cord-anzug ist way cool, saugt blut und paßt
für klassikkampf. in napoli sah ich das bild vom original-ragazzo.
das war schön! und maradona-monstranz. auch das war groß!

so schnall auf schnauz funkt kasimir. schnulli groovt wirklich
frappant. gib schon azubis polit-schulung – dann klappts womög-
lich mit wälzung. ich tats! doch ohn das glückhaft finalprodukt.
magd naht mit most (von links). agit-prop (frontal) macht wurzn-
hias amtlich. das monstrum kommt häufig von tirol. am rasthof

fischbach rasch nach links. und dann vorzüglich ab nach sibiu.
dort laust dich bald anarcho-aff – im wortsinn! fünfmal voll aufs
rundstück, aufs stück mit aufschrift „zwölf“. dann ist kurz mal
stillstand im flöz. knappschaft will nur DICH! braut ist dir bäuti-
gam (und umpah-pah). und lyrik wird dir ganz langsam zum dolch.

doch was führst du mit bildung „tilt“ im schild? ich komm damit
allmählich zum schluß. vlastimil folkt sich grad so durch. bobby
natürlich syntax im sinn. grobi hat müsli im bart. was halt so
vorkommt. was fausto frommt, zwingt rocco zur tat. und rocco
tut das ding tatsächlich. rocco wagts. rocco zischt uns voraus.

(10)

Und das war nun Polit-Lyrik von Radikal-Art?
– Ja, das war tatsächlich Umsturz-Lyrik. Fühlst Du ihn schon?
Ja, nun ich glaub, ich kann!

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