BEITRAG 2: Benedikt Ledebur

Ethik, Geld, Politik und Poetik
Fragen zum Fall Ezra Pounds, dem Dichter der Pisan Cantos

There is no darkness but ignorance
Ezra Pound, Pisan Cantos

Der Widerspruch, den die Logik meidet, produziert in der Grammatik oder Rhetorik keinen Fehler, sondern macht als Paradox eine wirkungsvolle Figur, stellt im Bild als räumliche Unmöglichkeit vielleicht eine beabsichtigte Irrtitation dar und kann sich im Musikalischen als solcher nicht formulieren, bestenfalls im Gegeneinanderführen der Stimmen, im Kontrapunkt eine Entsprechung finden. Was nützen aber Einteilungen, wenn sich Widersprüche und Gegensätze zwischen sauber getrennten Bereichen auftun, wenn z.B. mit rhetorischer Hilfe Rhetorik verdammt wird (auch hier wird der Widerspruch durch Logik festgemacht) oder avantgardistische Techniken wie Collage und Montage den erhobenen Ansprüchen direkter Rede nicht entsprechen? Pound, der einen abwertetenden Begriff von Rhetorik als gedankenfeindliche, verdunkelnde Technik ins Feld der Dichtung führte und den Vers libre und sein rhythmisches Movens lieber aus dem Musikalischen herleitete, pochte einerseits auf gute Prosa im Sinne Flauberts, auf eine Poetik des exakten Bezeichnens, des treffenden Worts, das polemisch gesetzt zur Tat anleiten soll (wie naiv hinsichtlich poetischer Wirkung mutet es an, wenn er für Radio Roma am 12. 2. 1942, Fussnoten vorranschickend, sein Canto 46 zur Volksaufklärung vorliest), andererseits wollte er seine Themen, Namen und Zitate („But it don’t matter who it is quoted from“[1] als kompositorische Mittel verstanden wissen, die eben aus musikalischen Gründen zur Sprache fänden, wobei sich wegen der regelmäßigen Wiederkehr bestimmter Übergänge und Anrufungen, die assoziativ wirken, das Leitmotiv eher als der Kontrapunkt zum Vergleich anbietet; Pound hat allerdings seine Dichtung lieber mit letzterem in Verbindung gebracht, wie im fast kitschigen Bild des ersten Pisan Canto: „[…] and in a dance the renewal / with two larks in contrappunto / at sunset“ [2]. Von der Verwendung von Homonymen in Gedichten riet Pound ab (wie wären Engführungen dann möglich, wie sollten sich gleichberechtigte Stimmen in Bedeutungen je treffen?), sogar Begriffsfiguren wie die Metapher schienen ihm verdächtig, da, statt etwas bei seinem Namen zu nennen, etwas mit etwas anderem bezeichnet würde (was aber, wenn es noch keinen Namen dafür gibt?!); wenn sie verwendet würden, müssten Metaphern genau und analysierbar sein, zwei scharfe Gedanken, die sich schneiden, während Ideogramm und treffendes Bild, die sich der von ihm mitbegründeten Imagismus auf die Fahnen schrieb, genau für das stünden, was sie evozieren. (Das Wort beziehe sich auf ein Objekt, das Ideogramm auf eine Gruppe oder Konstellation von Objekten.) Dieser Vorrang der Denotation in der Poetik Pounds, trotz all seiner behaupteten Rückführung des Poetischen auf das Musikalische [3], soll den Vortex der folgenden Reflexionen bilden.

Wenn in der Diskussion um die Verleihung des Bollingen-Preis für die Pisan Cantos an Ezra Pound sich Karl Shapiro am Gegensatzpaar Inhalt : Form stösst, das auch Barrett, der in den Pisan Cantos hässlichen Stoff in schöne Poesie verwandelt sieht, in seiner Argumentation verwendet („ […] six million Jews dead in Europe, in crematory ovens or battles of extermination; and historical facts like these make it immensely more difficult to perform that necessary aesthetic judgment that separates matter from form in a poem“[4], legt Shapiro, weil Dichtende im Formalen denken, den Finger auf die zentrale Frage, bleibt aber in seinem Vorschlag einer adäquaten Formulierung unscharf. Auch die Charakterisierung von Faschismus als „eine der ‚Mythen’ in den Cantos“ rückt diesen eher in eine tabuisierende, dem Irrationalen reservierte Zone, statt zu einer Analyse aufzufordern, was unter Faschismus zu verstehen ist, wie sich dieser in den Cantos manifestiert und Pounds Poetik affiziert hat. Wird auf eine solche Analyse verzichtet, ist es besser, Fragen nach dem Zusammenhang von Ästhetik und Anschauung beiseite zu lassen, sich wie George Orwell in seinem Statement zum Bollingen-Preis auf biographische Fakten zu beschränken und so zumindest teilweise historische Klarheit zu schaffen.

In Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft schreibt Hannah Arendt: „Totalitäre Politik ist keineswegs einfach antisemitisch oder rassistisch oder imperialistisch oder kommunistisch, sie gebraucht vielmehr ihre eigenen ideologischen und politischen Elemente so lange, bis die reale Tatsachenbasis, aus der die Ideologien anfänglich ihre Stärke und iheren Propagandawert bezogen – die Realität des Klassenkampfes z.B. oder die Interessengegensätze zwischen den Juden und ihren Nachbarn -, so gut wie verschwunden ist.“[5] Um zu verstehen, was Faschismus und Antisemitismus für Pound als Dichter der Pisan Cantos und gescheiterter utopistischer Agitator bedeuteten, ist eine rationale Durchleuchtung seiner Einstellungen notwendig, auch wenn sie sich im Laufe seiner politischen Karriere, die ihn nie weiter als bis zum verschwörungstheoretisch fixierten, ausfälligen Radioredner gebracht hat, zu einem Extremismus auswuchsen, der nur noch von seiner Verblendung Zeugnis gibt. Obwohl in seinen wirtschaftstheoretischen Quellen latent vorhanden, hatte Antisemitismus bei Pound nicht von Anfang an mit seinem Antikapitalismus zu tun, mit seiner von dem Sozialkredit-Reformer C.H. Douglas und dem Marxisten Silvio Gesell inspirierten Geldtheorie, die auch einen der wesentlichen generativen Kerne der Cantos bildet.[6]

Berühmt ist die Stelle im ersten (und längsten) Pisan Canto, die von einem Besuch Pounds in Wörgl im Tirol herrührt: „the state need not borrow / as was shown by the mayor of Wörgl / who had a milk route / and whose wife sold shirts and short breeches / and on whose book-shelf was the Life of Henry Ford / and also a copy of the Divina Commedia / and of the Gedichte of Heine“[7]. Pound war vom Versuch des Bürgermeisters fasziniert, in seiner Gemeinde ein Zahlungsmittel mit den Eigenschaften einzuführen, die Silvio Gesell für sein Freigeld forderte: So wie bei den Gütern, für deren Tausch es eingesetzt wird, vermindert sich mit der Zeit der Wert des Zahlungsmittels, was seine Zirkulation stimulieren soll. Weil es keine Zinsen bracht, macht es auch keinen Sinn, Geld zu horten; das von Pound immer verbissener verfolgte Konzept des Wuchers (Usura, usury, usurocracy) scheint so seiner Basis beraubt. Nicht von ungefähr fällt übrigens Pound der Heine- Gedichtband auf dem Bücherbrett des Bürgermeisters auf; mag er damit antisemitische Kulturvernichtung der Nationalsozialisten konterkarieren (für Freunde und Künstler galten ihm andere Kriterien, was die Freundschaften beweisen, die all seine Irrungen überdauerten[8]), verbindet Pound noch mehr mit diesem Autor. Was Heine in Die romantische Schule von der Kunst fordert, sei sie nun klassisch oder romantisch, könnte, wäre es nicht auf Deutsch und stünde statt „Raffael“ „della Francesca“, „Angelico“ oder „Botticelli“ („this is Dafne’s Sandro“[9]), von Pound selbst stammen: „ […] die Künstler sollen ihren Stoff immer plastisch bearbeiten, er mag christlich oder heidnisch sein, sie sollen ihn in klaren Umrissen darstellen, kurz: plastische Gestaltung soll in der romantisch modernen Kunst, ebenso wie in der antiken Kunst, die Hauptsache sein. Und in der That, sind nicht die Figuren in der göttlichen Komödie des Dante oder auf den Gemälden des Raffael ebenso plastisch wie die im Virgil oder auf den Wänden von Herculanum? Der Unterschied besteht darin, daß die plastischen Gestalten in der antiken Kunst ganz identisch sind mit dem Darzustellenden, mit der Idee, die der Künstler darstellen wollte […]“[10]

Wie die Namen all jener aus Geschichte, Kunst und Politik, die Pound wichtig waren[11], findet sich auch jener Gesells in den (Pisan) Cantos: „Gesell entered the Landauer government / which lasted rather less than 8 days“[12].  Gustav Landauer, Jude, Pazifist, wie Gesell marxistischer Anarchist, Freund Martin Bubers und Fritz Mauthners, unterstützte die Theorien Gesells und war Erziehungsminister der Münchner Räte-Republik von 1919, die ihn das Leben kostete. In Die natürlich Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld lässt Silvio Gesell zu Propagandazwecken im dritten Teil, der über das Freigeld handelt, verschiedene Typen wie Krämer, Unternehmer und eben den Wucherer auftreten, die ihre Meinung über das Freigeld kundtun. Der Wucherer vergleicht sich dort unter anderem mit dem Grundbesitzer: „Man hat den Grundrentnern, als diese in Not gerieten, geholfen, indem man durch Kornzölle die sogenannte Not der Landwirtschaft beseitigte; warum soll ich mich nicht auch an den Staat wenden in meiner Not? Ist etwa der Brotwucher besser, ehrenhafter als der Geldwucher? Beide, ich der Jud und du der Graf, sind Wucherer – einer so schmutzig wie der andere. Im Gegenteil, mir scheint es, als ob du noch etwas schmutziger, gieriger wärest als ich. Denn der Brotwucher erzeugt oft erst die Not, die zum Geldwucherer führt.“[13] So wie Pound für den Antisemitismus wahrscheinlich durch sein ursprüngliches Milieu, den Mittelstand der alten amerikanischen Familien an der Ostküste vorbelastet war, die in den neuen Einwanderern eine Gefahr für die erreichte bürgerliche Ordnung sahen, ist seine Neigung, ökonomische Probleme auf die Geldwirtschaft zu reduzieren, vielleicht dadurch mitmotiviert, dass sein Vater im amerikanischen Münzwesen angestellt gewesen war. Auch bei Gesell interessiert sich Pound einseitig für dessen Konzept des Freigelds, über dessen Wert einzig die staatliche Souveränität entscheidet, während ihn Gesells Voraussetzung dazu kalt gelassen zu haben scheint, das privateigentumsfeindliche Konzept des Freilands, das den Staat einzigen Grundeigentümer sein lässt, der landwirtschaftliche Flächen zur Pacht an den Meistbietenden versteigert. Pound wollte selbst zu Stalin reisen, um ihn zu überzeugen, dass wenn er die entsprechenden Geldreformen umsetze, Enteignungen überflüssig wären: „and but one point needed for Stalin / you need not, i. e. need not take over the means of production; money to signify work done, inside a system / and measured and wanted“[14]. Ideal für Pound war der Staat, der statt Steuern einzuheben, mit denen sich Waffengeschäfte ankurbeln und Kriege führen lassen, Dividenden an seine Bürger auszahlt[15]. Nur der Staat solle Geld verleihen können; eines von Pounds Lieblingsbeispielen aus der Antike findet sich in den Pisan Cantos gleich vor der Stelle über Wörgl: „and the state can lend money as was done / by Athens for the building of the Salamis fleet“. Den Verrat an der amerikanischen Verfassung sah Pound darin, dass ab 1913 die Souveränität über Geldproduktion, Festlegung seines Wertes und Zinspolitik, die verfassungsgemäß dem Kongress gebührte, den Banken überlassen worden war, von denen sich auch der Staat Geld leihen und die Zinsen mit Steuern bedienen musste: „im Westen nichts Neues / and the Constitution in jeopardy“.[16]

Eine typische Figur populistischer und antisemitischer Rhetorik gegen den liberalen Kapitalismus, der Pound in seinen Radioreden dann freien Lauf liess – „that free speech without free radio speech is as zero“[17] – , ist, Hochfinanz und Lobbyisten mit einer bestimmten Gruppe bzw. mit den Juden oder einem vermeintlich von ihnen besetzten Netzwerk (Freimaurer etc.) gleichzusetzen. Der Vorwurf des Wuchers zeugt von noch größerer Ignoranz, wenn jene kapitalistischen Funktionen in Zinsgeschäft und Finanzierung nicht als historisch und struktruell bedingt begriffen, sondern auf rassische Eigenschaften und ähnlichen Mumpitz zurückgeführt werden. Pounds ursprünglicher Vorwurf an das Geldsystem war aber gerade, ein sich selbst genügendes System zu sein und sich von den wirklichen Bedürfinissen entfernt zu haben. Hier trifft sich seine Geldtheorie mit seiner Poetologie, die unter dem Etikett Rhetorik die Sprache als System anklagt und von Literatur die reale Deckung in der Dingwelt einklagt. Die Fixierung auf den Goldwert ändere nichts an der Entfremdung des Geldes und wäre ein ebensolcher Schwindel, an dem sich wenige bereichern: „but the local loan lice provided from imported bankers / so the total interest sweated out of the Indian farmers / rose in Churchillian grandeur / as when, and plus when, he returned to the putrid gold standard / as was about 1925 Oh my England.“[18]

Die Einsicht, schon bei Gesell alt, dass nicht Religionen und Weltanschauungen, sondern die Gier nach Zugang zu Bodenschätzen und ungerechte Verteilung Kriege entstehen lassen, oder Pounds Hinweis auf die Eigengesetzlichkeit von Waffengeschäften, da Verkauf von Munition und Waffen den Markt nicht sättige sondern anheize, haben nichts an Geltung eingebüßt: „and gun sales lead to more gun sales / they do not clutter the market for gunnery / there is no saturation / Pisa, in the 23rd year of effort in sight of the tower“[19]Nicht nur zur Datierung seiner Briefe vor 1945, noch in die Pisan Cantos wird die faschistische Jahreszählung übernommen, die mit der Machtübernahme Mussolinis beginnt. In Mussolini hatte der überzeugte Pazifist Pound mit blinden Flecken gegenüber den aufrüstenden Achsenmächten den starken Mann gesehen, der mit ständestaatlicher Struktur die Politik mit der Wirklichkeit menschlicher Tätigkeiten, Bedürfnisse und Künste in Einklang bringen werde. Politik als Ästhetik: die Frustration darüber, daß Kunst in der Politik nichts zu sagen hat, sondern höchstens, falls wahrgenommen, von ihr unterdrückt wird, führt zum Wunsch nach dem mächtigen Politiker als Künstler, der seinem Volk in seiner durch Diktat verfügten politischen Organisation zum einheitlichen Ausdruck verhilft, und macht blind gegenüber der Tatsache, dass damit Kunst zu Propaganda verkommt: „I don’t believe any estimate of Mussolini will be valid unless it starts from his passion for construction. Treat him as artifex and all details fall into place. Take him as anything save the artist und you will get muddled with contradictions” schreibt Pound fast identifikatorisch selbstreflexiv in Jefferson and/or Mussolini[20]; sein Artifex, entmachtet, von Hitlers Gnaden aus der Verbannung geholt und nocheinmal für die Gründung der norditalienischen Republik von Salo eingesetzt, fügt einer von Pound vorgeschlagenen Bücher-Liste Platos Politeia hinzu, der darin rät, Künstler vom Staat auszuschliessen.

Abends im Krankenzelt des Disciplinary Training Centre – Pisa tippte mit ungebrochenen Überzeugungen Pound die Pisan Cantos in die Schreibmaschine, wie er sie unter Tags ins Gedächtnis gedichtet hatte, die in den ersten Cantos vorgegebenen Themen wieder aufnehmend. Elpenor ist begraben, der irrfahrende Odysseus gerät als Niemand in den Hintergrund, „[…] the great Ovid / bound in thick boards“[21] kann nicht aufgeschlagen werden, Dante wird durch das eigene Inferno übertroffen, Konfucius hat staatstragend das Sagen: „and having got’em [advantages, privilege] / there is nothing, italics nothing, they will not do / to retain’em / yrs truly Kungfutseu“[22] . Gleich in den ersten Versen werden Mussolini (Ben) und seine Lebensgefährtin als an den Fersen aufgehängte Märtyrer verklärt, der tote Bulle DIOGONOS, statt zweimal geboren „twice crucified“, weil zuerst erschossen und dann gehängt. Nicht nur sein Schicksal und seine Spitznamen, auch seine Worte kehren in den Pisan Cantos wieder: “‚not a right but a duty’ / these words still stand uncancelled, / ‚Presente’ / and merrda for the monopolists / the bastardly lot of’em / Put down the slave trade, made the desert to yield / and menaced the loan swine.“[23] Mit “nicht Recht aber Pflicht” hatte Mussolini die faschistisch uniformierte Freiheit zur Aktion gemeint, mit „’Presente’“ ruft Pound das Kriegspathos faschistischer Heldenverehrung zurück und preist den italienischen Diktator als Kultivator des Landes und Exekutor der pound’schen Fixierungen, der er nie gewesen ist. Wenn Pound unter Mussolini gehofft hatte, mit seiner Dichtung politisch zu wirken, kann er jetzt nur noch versuchen, die politischen Überzeugungen auf seine Dichtung wirken zu lassen, als die von ihm gefürchteten, ins Leere deutenden Signifikanten, unter den Vorzeichen einer Suche nach der verlorenen Utopie und nach den verlorenen Weggefährten in Kunst und Dichtung, „Spiriti questi? personae?“[24] Wie die Verneinung des Ausspruchs Baudelaires „le Paradis n’est pas artificiel“ (einmal mit dem Zusatz: “L’enfer non plus”), Pounds Paradies liegt auch nicht im Jenseits, und „beauty is difficult“, gehört „dove sta memoria“zu den Refrains der Pisan Cantos. Der Blick des Gefangenen ist nach innen gekehrt, Wolkenformationen: „and the clouds over the Pisan meadows / are indubitably as fine as any to be seen“[25] (auch ein Refrain), Eidechse oder Ameise müssen ihm als äußere Stimuli genügen, „The ant’s a centaur in his dragon world“[26], oder er überblendet die Pfosten der Stacheldrahtzäune mit den erinnerten Formationen der italienischen Renaissancebauten, die er am meisten bewundert hatte, des Tempio Malatestiano in Rimini oder des Palazzo Schifanoia in Ferrara: „ – niggers comin’ over the obstacle fence / as in the insets at the Schifanoja / [Del Cossa] to scale, 10,000 gibbet-iform posts supporting / barbed wire“[27]

Amerika wollte Pound nie in einen faschistischen Staat verwandelt wissen, im Gegenteil, er sah sich als einen der wenigen, die die Treue zu den amerikanischen Gründervätern und ihrer Verfassung hochhielten und trat gegen die Übertragung des Rechts zum Beschluss von militärischen Interventionen vom Kongress auf den Präsidenten ein; wenn Eva Hesse in einer Fussnote dazu die militärischen Interventionen der USA seit 1945 auflistet, mag das historischen Differenzen nicht gerecht werden und Futter für einen naiven Antiamerikanismus sein; doch lässt sich daran erkennen, wie an der Tatsache, daß die von Pound im Straflager von Pisa „Gorillakäfig“ genannten Todeszellen als Folterzellen im rechtsfreien Raum von Guantanamo Bay immer noch in Gebrauch sind, wie weitreichend und bis heute politisch brisant Themen und Bedingungen im „Fall Ezra Pound“ sind.

Soll diese Realität das letzte Wort haben? „The new Bechstein is electric / and the lark squawk has passed out of season / whereas the sight of a good nigger is cheering“.[28]Was wird aus den parts reassembled eines politisch unkorrekten aber kulturhistorisch so international umfassenden Gedächtnisses, aus den festgehaltenen unmittelbaren Eindrücken in einer reduzierten und zwanghaften Umgebung, aus den rhythmisch hervorgelockten Bildern eines gemarterten Bewusstseins, das den besten Autoren des 20. Jahrhunderts mit Kritik und selbstloser Unterstützung zur Geltung verholfen hat? Letztlich ist das Faszinierende oder Tröstliche an den Pisan Cantos, dass die schrecklichsten Bedingungen und Irrlehren in der Dichtung nichts ausrichten, ins Poetisch-Musikalische transponiert freie Metren, Skalen und Verflechtungen das Sagen haben, wie die wechselnde Anzahl von Vögeln auf den Drähten, die Ezra Pound von seiner Isolationshaft aus als Noten liest.

[1] Leonard W. Doob (Hrsg.), Ezra Pound Speaking, Radio Speeches of World WarII, Greenwood Press, Wesport, Conneticut 1978, S.34. Noel Stock schreibt in The Life of Ezra Pound (Pantheon Books, Random House New York 1970, S. 339) zu diesem Canto: “Canto 46, first published in the March [1936] New Democracy, is a confused heaping together of personal observations and what Pound regarded as ‘evidence’ against the usurers; the pleasure to be derived from it does not repay the considerable research necessary to discover what it is about.” Der Biograph könnte verdächtigt werden, nicht nur über diesen Canto zu urteilen.

[2] Ezra Pound, Pisaner Cantos, Arche, Zürich 1956, S. 18

[3] Vgl. in Motz et son Pounds Einteilung der Dichtung in Melopoeia, die Worte musikalisch auflädt (unübersetzbar), Phanopoeia, die Bilder auf die Einbildungskraft projeziere (übersetzbar) und Logopoeia, die mit den Zusammenhängen spielt, in denen wir das Wort erwarten würden (unübersetzbar).

[4] William Barrett, Comment, A Prize for Ezra Pound in Partisan Review 4, April, 1949, N.Y., S. 346

[5] Hannah Arendt, Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, Piper, München, Zürich 1986, S.26

[6] Noel Stock weist darauf hin, dass Pound noch 1935 noch mit einer Verschwörungstherorie sympathisierte, die im organisierten Antisemitismus eine Strategie protestantischer schweizer Dynastien gegen die Rothschilds sah. „’Usurers have no race’, he wrote in the New English Weekly in November 1935. […] And in an article in the British Union Quarterly in 1938 he said, ‘international usury contains more Calvinism, Protestant sectarianism than Judaism’.” Noel Stock, The Life of Ezra Pound, S. 370. Pounds Antisemitismus durchlief also Phasen und kannte Abstufungen, die er auch gleichzeitig vertreten konnte; es gibt von ihm auch Aufrufe, die christliche Religion von ihren jüdischen Wurzeln zu reinigen oder die Kritik an der jüdischen Religion, die zwar das Gesetz aber keine Ethik kenne etc.

[7] Ezra Pound, Pisaner Cantos, S.38

[8] Bei seinem jüdischen Freund Louis Zukofsky beklagt er sich aus Rapallo in einem Brief vom 22. März 1940 über einen anderen Freund (William Carlos Williams): „Thank god I’ve finally found a quotation from Chas. Mordecai Marx on Rothschild etc/ that will stop of Bull Bublle Willieyams from tellin the woild I am an anti=semite. // If Karl weren’t I aint. If YOU had had a better hand at quotin (Marx) you might have got me into the ranks sooner.” Zukofsky antwortet ihm zu dieser Stelle: “Anti-semitism, Marx etc. When a jew says it, it’s different: among us we call him a shagetz & let it go at that. Nobody’s accusing eihter you or Bill [Williams] of the crime – but if both of you avoided mention of jew, jews, in your writings, the atmosphere would be less charged around. I prefer, even knowing the pure motives behind your impassions to retreat to the safety of my own home. When Marx, in connection with transformation of money into capital (Chapter 4, Kapital) laces into “inwardly circumcised Jews”, he follows this particular parable with one on the Trinity: I suspect not as palliative, but for further airing of information.” Pound / Zukofsky, Selected Letters, New Directions Book, N.Y. 1987, S.201 ff.

[9] ebd., Canto 75, S.76

[10] Heinrich Heine, Die romantische Schule, 1. Buch, in Heinrich Heines Sämtliche Werke, Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 7. Auflage, S. 268

[11] vgl. die vielsagenden Abkürzungen, wenn er diese Bedeutung in einem Vers der Pisan Cantos auf die beiden Diktatoren, einen ethnologischen Geheimrat und zwei Dichter beschränkt: „and the only people who did anything of any interest were H., M. and / Frobenius der Geheimrat / […] / and Monsieur Jean [Cocteau] wrote a play now and then or the Possum [T.S. Eliot]“ Ezra Pound, Pisaner Cantos, S. 28

[12] Ezra Pound, Pisaner Cantos, S.42

[13] Silvio Gesell, Die natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld, Verlegt durch Roman Gesell, Arnstadt i. Thür. 1919, S. 268

[14] Ezra Pound, Pisaner Cantos, S.8

[15] vgl. das schon erwähnte Canto 46: „[…] ‚IF / that is so, any government worth a damn can / pay dividends?’ / The major chewed it a bit and sez: ‘Y-es, eh … / You mean instead of collectin’ taxes?’ / ‘Instead of collecting taxes.’[…]”

[16] Ezra Pound, Pisaner Cantos,, S. 8

[17] ebd.

[18] ebd.

[19] Ezra Pound, Pisaner Cantos, S. 14

[20] siehe: Noel Stock, The Life of Ezra Pound, S. 331

[21] Ezra Paound, Pisaner Cantos, S.78

[22] Ezra Pound, Pisaner Cantos, S. 80, neben der Bibel und einer Gedichtanthologien waren die Schriften des Konfucius eines der drei Bücher, die Pound im Lager zur Verfügung standen. So war er fast gezwungen, zum Stil der frühen Cantos zurückzukehren und das endlose Zitieren, wie in den John Adams-Cantos und denen über chinesische Geschichte, die den Pisan Cantos vorangehen. (Abgesehen von den zwei unmittelbaren Vorgängern auf Italienisch, direkt an die faschistische Adresse, die er während des Kriegs geschrieben hatte. Siehe Ezra Pound, Die ausgefallenen Cantos LXXII und LXXIII, Arche, Zürich 1991)

[23] Ezra Pound, Pisaner Cantos, S. 110

[24] ebd. S.72

[25] ebd.

[26] Ezra Pound, Pisaner Cantos, S. 194

[27] ebd. S. 98

[28] ebd. S. 122

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