BEITRAG 3: Barbara Köhler

(Eine Replik auf BEITRAG 1)

 

Wult“ schreibt, lieber Ulf, Ilse Aichinger, „wäre besser als Welt. Weniger brauchbar, weniger geschickt. Arde wäre besser als Erde.“ Mit etwas Analogiezauber und formal ganz logisch, 1-A-begründbar: wär Wälzung dann auch besser als Revolution? Eher schwierig, ohne E „gegen“ zu sein, Wer-Frage eh…– Ja steh ich denn im Wald?! Und sollte man nicht mal zurückrufen, wie’s da hereinschallt? TIMBER! – schlagende Argumente mit umwerfender Wirkung? WIRkung? DuKing? Ich Tarzan, DJane? Sagst du bloß oder meinst du schon? Postpostmodern Irony oder Lyrik-Comedy?
Holzfäller kollektiv auf der Pirsch – leg Hand an, leg Axt an, hau drauf: Fälle auf alle Fälle! Urteilweise bloß halbstark? Ach was! – Lass krachen, lass zischen, lass falln. Natürlich kein Kahlschlag (oder doch irgendwie??), jedenfalls auch Wiederaufforstung, Totholz-Reanimierung an Material wie „Kollektiv“, „Agitprop“ etc., retro-flott wie das T-Shirt mit El Commandante oder andere Brustbilder der Überzeugung: Accessoires, zur Not ironisch. Und die Not ist scheinbar auch groß. 1-Mann-Avantgarde zielt auf Solopublikum („das Ding nur für Dich und mich“), meint aber Achgott&dieWelt; so Abschaffung von Staat, Kapital usw. – a man’s got to do what a man’s got to do – ich geb ja zu, das wäre meine Übersetzung von Punkt 6) in Cowboy-Lyrik, das ginge auch rheinisch platt: Wat mutt dat Mutti. Und Äktschn!
Ismus und Mussmus, bloß kein Mutismus. Klappe halten is’ out, privacy is over (Zitat Teil zwo Marc Zuckerberg). Das Schweigen im Walde? Achwo, ach was. Gespräch unter Bäumen? Da reicht ja wohl über, oder? Und ein Schweigen-über könnte traditionell gleich mit eingeschlossen werden; wie praktisch. So kommen wir schon drüberweg. [Aber kämen wir auch nach beyond?] – Falls jedoch nicht, wird der Baum eben umgelegt. Ist ja bloß gewachsen, nicht hieb- & stichfest. Argumentativ kriegen wir das schon hin. Und dann kann man sich ja auch erst richtig was daraus machen! Die Sache in Form bringen, spalten, zurechtschnitzen, einen Stuhl basteln oder was völlig Dysfunktionales – wie’s einem gerade passt. Form vs. function veranschlagen und gucken, wie’s Dialektik-Maschinchen da schnurrt. Manchmal holpert’s auch ziemlich.
Manchmal ist es aber einfach nur ein Drittes: der Ton, der nervt. Dieser Verschnitt aus Eitelkeit & Testosteron bei Arno „Ich-bin-wieder-wer“ Schmidt zB – auch so ’ne 1-Mann-Avantgarde, mit eigener Sekte inzwischen sogar, und formal mag das ja interessant sein wie’s will; aber Landser-Humor und Chauvi-Gehabe sind nunmal absolut nich mein Phall. Vielleicht sieht’s im Avantgarden sowieso bisschen anders aus, wenn man als Frau reinschaut – das schonmal überlegt? Jetzt aber nix mit Biologismus, Baby; bloß so als Möglichkeit, Differenz zu denken. Oder Differänz? Arde wäre besser als Erde. Konjunktiv ist eine Möglichkeit; Indikativ wär eine andere. Konjunktiv ist mehr-als-eine Möglichkeit. Ist mehr als eine Möglichkeit. Let’s think lechts und Rinck’s! Auch Monika, Uljana, Barbara könnten’s schon schaukeln. Selbst wenn 1:3 zwar (> pro forma!) eine Verbesserung zum üblichen 1:5 darstellt, trotzdem aber höchstens unter „Ehrentor“ fällt und noch kein Anschlusstreffer wäre. Na-turgemäß ist’s eben einfacher, wenn man sich’s einfach macht. (Und wie oder wo be-tonen wir das?) Die Sache mit der „Sache“ zB oder das Ding mit dem Objekt, demgegenüber (über das?) sich 1 Subjekt herstellt, es [sag’s ganz neutral, sag: sächlich, sachlich – aber sagt das dann gleich „objektiv“?] nominiert und kritisiert, sein Gegenüber einsortiert als dingartig, holzartig, gar wortartig – das dumme Ding aber partout nicht artig sein will, sondern auf Eigenbeweglichkeit beharrt, das „Stück Holz“ sich bspw. als Baum erwiese, wo wächst… Da braucht es dann wohl eine Axt im Walde, besagte schlagende Argumente („-schnittartiges“), eine saubere Trennung: zur Sache!

Nutzholz also, totes Material, zur freien Verfugung. Und das soll unbrauchbar sein? Ach nein?? – nur das daraus Fabrizierte? Ach sooo… – Na dann: Gut Holz! Aber spieln wir hier tatsächlich nicht sowas wie Fussball? FSV „Inhalt“ gegen Wacker Anti-? Form wär – mal komplett content-getrennt – doch für beide Seiten Beweis von Leistung und Stärke: lyrische Potenz, Beherrsch vons Sprach: Fuck this? Fakt is: dafür gibts Punkte. Punkten lässt sich mit Sonetten wie Lipogrammen, Oden oder Palindromen… Kraftakte bevorzugt, Materialbeherrscher, Sprachdompteure (macht: was ich will) und andre Sportskanonen. Damit kann man den Tarzan turnen und irgendeine Jane wird schon beeindruckt sein. Wo jedoch zB function follows form behauptet wird, tät ich ja gerne fragen, ob nicht auch Solipse eine Form – und etwa totalitaristische Figur sein könnte („umschlagen in“)? Aber vielleicht ist es auch bloß eine Frage von Quantität/>Qualität-Umschlag (auch ich hatte mal Dialektik…), und weniger wäre tatsächlich weniger: weniger brauchbar, weniger geschickt. Denn andererseits gibt es auch Sachen, die nur durch (sagichmal) Nichtsagen verbürgt, zu verbürgen sind – und damit auch jähe Nähe (na hoppla!) zum besagten „Staatsschutz-Ding“ hätten… Bloß ist das Verweigern von Aussage vor Gedicht womöglich etwas anderes als in echt. Ächt?! Und über den einen Buchstaben hinaus gäb’s noch Unterschiede zwischen Nichtssagen und Nichtsagen. Oder (auch ohne E schwer zu sagen) es wär eben weder Funktion noch Form primär, die Frage eher nach Perform. Was macht ein Text (vom Autor mal abgesehn), was kann er, kann sich durch ihn zeigen, was kann ich sehn, welche Möglichkeiten werden eröffnet – und wer oder was ausgeschlossen?
Bei Pastior zB hör ich: Sprache als lebhaftes Gegenüber, mit dem sich und das mit sich reden lässt, mitzureden vermag, zu sagen hat: ein Unding. Zwischen Odradek und Logos im Oikos – eher selten aber das Material, das Beherrschte, ein bloß Benutztes, Verdingtes, irgendwem zu irgendwas Dienendes. Verhältnisse aufgefasst als nichthierarchische, différance, beweglich, kaum festzustellen, aber verbindlich: konjunktiv. Möglich im Höricht auch Lesende (ein Mittelwort, Verlaufsform: in der Tat, möglich als derdiedas, Singular, plural); nicht bloß eine simple LESER-Funktion, die unterhalten werden will, überzeugt, belehrt und bedient wie ein Maschinchen: das funktioniert. Das funktioniert eben nicht – das lässt sich nur realisieren; ohne Zutun nichts zu machen. Hier nimmt einer/m keine Autorität das Denken ab. Da muss man schon selbst vertraun, werden Verhältnisse zum Tanzen bewegt. Werden wörtlich bewegte, realisiert als Performance, per beweglicher Stimme im Raum, im Ohr: Oskars verbindliche,  wendige, zuredende Stimme, die noch die eigenartigsten Zeilen zu Ohrwürmern animierte, ein Zutun auch über das Geschriebene hinaus: Stimme als Gewährleistung von Stimmigkeit, ein Ansprechendes, ein Zusagen. Aber wenn ich Oskar selbst lesen höre, höre ich da nicht auch gleichzeitig etwas, das in der Schrift, vom Text (– selbst?) ausgeschlossen ist?

Autoritäre Verhältnisse hingegen wären aus auf Festschreibung, Feststellungen (sozusagen: eher konservativ?), eine Bestätigung, Stabilisierung von Strukturen, Differenzen darin sauber auseinander sortiert nach Oben und Unten, mit links und rechts gleich Guts und Schlechts, Töpfchen & Kröpfchen, Köpfchen und Tröpfchen (Aichinger sagts so: „Alles ist eingestellt. Aufeinander, wie man sagt“). Und mittig, in so strategisch günstig erhöhter Position (sein Anspruch sei Überblick): der AUTOR als Federführungsoffizier, das Sagen in Habhaft, Sprache als eine Art bürgerlichen Eigentums (rechtmäßig erworben!), zur Aussage genötigt oder nach Gusto damit umgesprungen. So ein – im Sinne newtonscher Physik — erhellendes Zentralgestirn, das Licht in dunkelste Ecken bringt, um das sich die Welt zu drehn scheint, an deren Himmel es (metaphermetapher…) leuchtet und in der alles seine Ordnung hat [Hauptabteilung Aufklärung, Bahnform eindeutig Solipse]. Sol ipse – das gute alte Subjekt, dieser Mensch-als-Mittelpunkt – sowas gibt ’ne prima Zielscheibe ab… (und das 20. Jahrhundert hat’s dann wohl auch getroffen).

Geht es (bewegt sich ja weiter) möglicherweise auch ohne? Oder wäre „ohne“ schon wieder so eine Ausschließlichkeit und geht’s nicht auch anders: different? Ich hätt da so eine zwielichtige Idee von Schreiben als relativistischer Praxis; nach Einstein, Schrödinger, Gödel, nach „Verschwinden des Autors“ könnte sich zB eine Beobachterin realisieren als Teil des Systems: Sprache – teilhaftig, beziehungsweise, verbindlich, Sprachen realisieren als eigenwertige, kommunizierende Umgebung. Eher öko- als ontologisch: das Haus als living room. Darin weder übergeordnete Instanz noch sonst exklusiv, sondern einräumend, ermöglicht, als sie: selbst und andere. Konsistente Systeme bekommt man ja nur hin mit Ausschluss von „Selbst“ (-referenz zB) bzw dessen Feststellung, Neutralisierung per Gleichsetzung mit dem Faktor 1 – wie oft und mit wem man da auch mal nimmt: kommt immer wieder nur das Gleiche bei raus. Und das könnte auch schon die ganze Mechanik sein: damit etwas vorhersagbar funktioniert, berechenbar, ohne Zutun, objektiv und perfekt. Wie das Maschinen tun, Apparate, wie Ingenieure das hinbekommen – und erinnert sich noch wer an Stalins monströse „Ingenieure der Seele“? Oder Enzenbergers „Poesieautomaten“? Perfekt ist eine Form, eine Zeitform für wenn-sich-nichts-mehr-rührt.

[Form interessiert mich eigentlich nur insofern als sich damit Widerstand organisieren lässt – möglichst ein Widerstand gegen die Schwerkraft der eignen Intention, des Fälligen, Eindeutenden, selbst Gefälligen. Eine Gegenkraft aus der Gegenrichtung, vom Zeilenende her, aus den Grenzgebieten zum Andrerseits, zum Zufall: entgegenkommend aufgefasst, erwidernd – willkommen. Weniger als Vorgabe, Vorhaben, das es perfekt zu erfüllen gilt (die feste Hohlform, in der dann kein Platz mehr wär für anderes); Wandelbarkeit und Verletzlichkeit sind doch grundsätzliche Lebenszeichen – wieso nicht auch für Form?]

„Quantisierung als Eigenwertproblem“ (schlag nach bei Schrödinger, Zürich 1926; und wenn schon sowas wie Holzhacken, dann bitte Doppelspaltexperimente!), so zusagen: Interferenzmuster, Unbestimmtheitsrelationen in Sprache – zB Artikelphysik: nicht das, sondern ein Selbst behaupten, das sich nicht vereinheitlichen ließe, das differenziert: anders, uneins, mit anderen sein kann [bspw komplexwertig mit Realteil 1/2 – so ca. „bessere Hälfte“?] Die Eins, die Einheit, die -deutigkeit wäre durchaus eine Möglichkeit; aber eben nur eine: die eine, die andere ausschließt. Eine Abschaffung des/der Anderen oder ihre /seine Ermöglichung: Singular, plural.
Wobei es andrerseits – („nicht einmal“) – um „Abschaffen von“ gehen könnte, eher (präziser) um sein lassen: etwas nicht tun, nicht zu sagen, die Realisierung einer Möglichkeit für sich (> selbst) auszuschlagen. Was auch hieße diese Möglichkeit durchaus zu sehn, sie an sich, als solche anzuerkennen, als Option. (Hier zB sieht man schön einen möglichen Unterschied zwischen Sehen und Wahrnehmen und einen zwischen an und für sich…) Wenn man zB dieses Ausschließen sein lassen könnte, es sein lassen könnte Anderen Selbstbestimmung abzusprechen…
Das wäre in der Tat ein radikal Anderes zum Funktionieren von und in Herrschafts- & Repressionssystemen und deren Apparaten – das Festgestellt-, Fixiert- und Funktionalisiertwerden zB zu wenden zum Beweggrund: „Vom Sichnichtrührenkönnen haben wirs gelernt, das Wandern“, sagt Pastior, sagt „wir“ und „Wörtlichnehmer“, eröffnet damit (für sich, selbst) ein familiäres Verhältnis (mit anderen): eine Art wörtlich genommener Poiesis – wo nämlich dieses Wort auch damit zu tun hat, jemanden in eine Gemeinschaft aufzunehmen, zu adoptieren zB. Ermöglichend also, nicht ausschließlich (& sorry Ulf: auch nicht so holzklotziger Schubladen-Stuss wie „Laborlyrik“ oder „Anti-Inhaltismus“). Poiesis, Sprache vielleicht naturgemäßer: auf Teilhabe aus, in beweglichen Verhältnissen, nicht auf Unter- und Überordnungen, nicht auf Erwerb einer befristeten Feststelle auf der Bestenliste, im Ranking konkurrierender Egoismen,  auf ein Zustandekommen von Mehrheiten, nicht auf Herstellung und Verstetigung von Hierarchien. Lyrik war eh noch nie mehrheitsfähig; könnte aber womöglich Minderheitsfähigkeit fördern – (selbst) anders zu sein und mit anderen. Mitteilen, eventuell dividuell: Quantisierung als Eigenwertproblem. Es hat, ich wiederhole mich gern, mit Differenz zu tun. Es ist nicht einfach. Das ist einer dieser banalen Sätze, in denen man jedes einzelne Wort betonen kann und dabei jedesmal eine andere Aussage bekäme. Zum Beispiel.
Nur Dover ist nicht zu verbessern. Dover heißt so wie es ist.

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