BEITRAG 4: Michael Donhauser

Zwischen Einwilligung und Ausdruck

(Zu einer Art Poetologie nach Lukas 1,26 – 38)

mir geschehe, so lautet, nach dem Siehe, ich bin, die Einwilligung: dieses Mir-geschehe ist Ausdruck einer Einwilligung in das Geschehen, doch nicht ohne zuvor ein Ich zu nennen, das sich anmutig zeigt als ansprechendes wie als angesprochenes, geht doch der Einwilligung die Ansprache durch den Engel voraus, ein Siehe, du wirst, dem ein Zögern von Seiten der Angesprochenen folgt, ein Zurückweichen, dargestellt durch ein abwehrendes Heben der Hand oder Hände vor das Sonnengeflecht. All dies geschieht nahezu in einem und ist getrennt nur durch die Abfolge der Erzählung: es ist die Erzählung der Verkündigung, der Verkündigung von etwas lange Prophezeitem, dessen Erfüllung im Augenblick der Verkündigung ihren Anfang nimmt – denn, was da geschieht, stand schon geschrieben, da es anders nicht sein kann, da nur im prophezeienden Wort die Frage Wo ist dann? aufgehoben ist als beantwortete.

Denn dann ist dort, wo sich erfüllt, was prophezeit für eine Zukunft Vergangenheit wird, durch ein Werden nämlich, das die Gegenwart eines Ortes nennt als erblühende Blume, als Florenz, Abeba, Nazareth – der Ortsname ist Prophezeiung, wenn auch offen bleibt, wann dann ist, denn Prophezeiungen sind nicht Prognosen, in ihnen waltet ein Unverwaltbares. Und so geschieht der Angesprochenen, was ihr schon geschehen ist, wie sie sagt, mir geschehe, denn was da Zukunft scheint, ist schon Vergangenheit, die Einwilligung willigt in ein Geschehenes ein, das Heben der Hand und  der Einwand Wie soll dies geschehen kommen zu spät – doch die Erzählung, sie will die Erzählbarkeit, und diese entsteht und besteht darin, dass in das, was geschehen ist, eingewilligt wird, als geschähe es erst, als gäbe es die Freiheit und wäre die Freiheit eine des Ausdrucks, jene nämlich, zu sagen: Siehe, ich bin.

Zwielichtig ist diese Verquickung von Wille und Bestimmung, denn es ist die Stimme des Herrn, welche durch den Engel spricht und sagt: Siehe, du wirst – die Freiheit aber ist, noch einmal, die des Ausdrucks, Siehe zu sagen, wie der Engel Siehe sagt, das Zögern so zu überwinden und einzuwilligen in das durch die Bestimmung Bestimmte, wenn auch noch fragend, fragend wie erblühend, ahnend den Schmerz. Es ist die Anmut, welche im Licht des Wortes erscheint, und dies im Zwielicht der Abgeschiedenheit, einer Kammer, wo der Gruss, Sei gegrüsst, die Lesende erschreckt, denn der Gruss unterbricht die Kontemplation, die Betrachtung des Wortes, worin die Lesende so sehr bei sich ist wie ausser sich, ausser sich nämlich als im Vertrauten der Schrift, im Vertrauten der geschlossenen Kammer mit dem offenen Buch: als wäre das Buch der Schoss, welcher das Wort, das befruchtende, empfängt.

Denn das Wort als Gruss fällt dem Wort als gelesenem ins Wort, das heisst: das gesprochene Wort unterbricht das geschriebene, und damit beginnt die neue Schrift, damit endet die Zeit der Prophezeiungen und beginnt die Zeit der Erfüllung, mit jenem Gruss – und so beginnt alles Neue, im Verborgenen nämlich, als Gegrüsst-sein durch das Wort. Die Gegrüsste aber, sie erschrickt, aus ihrer Versunkenheit gerissen: unterbrochen in ihrem Lesen erschrickt sie, worauf der Engel sie beruhigt, indem er sagt: Fürchte dich nicht – der Schreck allerdings ist die Quelle der Erkenntnis, denn in der ununterbrochenen Versunkenheit ist die Ruhe, die Anmut ruht, bis sie angesprochen erschrickt und sich erkennt als erkannte, was der Engel auch sagt, wenn er sagt: gebenedeit bist du – der Einwand dann, wie soll dies geschehen, entspringt nicht einem Skeptizismus, sondern wiederum und allein der Anmut, die nicht weiss, dass sie weiss, und also fragt.

Denn sie weiss nicht, wie der Skeptiker, dass sie nichts weiss, um sodann alles Wissen dem Nichtwissen zu überführen, sondern sie weiss nicht, dass sie weiss, ihr Wissen ruht in ihr – wer weiss, dass er vieles weiss, ist dem, der weiss, dass er nichts weiss, insofern verwandt, als beide wissen, alles, vieles oder nichts (wobei der Nichtswissende zuletzt, was er als Wahrheit weiss, von der Seherin weiss oder empfangen hat) – allem Wissen steht so ein Empfangen entgegen, denn empfänglich ist nur, wer nicht weiss, dass er weiss, wer liest, wer dem Lesen hingegeben selbst nicht ahnt, was geschieht. Sie weiss, denn es steht geschrieben, was geschehen wird, doch sie weiss nicht, dass sie es weiss, bis sie erschrocken aufschaut und sich erkennt als erkannte, während der Engel sie beruhigt und ihr sagt, was geschehend geschehen ist und geschehen wird: Siehe du wirst – sie aber fragt, fragt, wie dies geschehen soll, worauf der Engel von der Allmacht spricht, doch es ist wieder die Hingabe, diesmal nicht an das gelesene, sondern an das gesprochene Wort, welche das Wissen zur Gewissheit werden lässt: Siehe, ich bin.

Das Geschehen aber ist ein ursprüngliches, es ist das eines Ursprungs aus einem Nichts, denn alles spricht gegen das Angekündigte, da die Angesprochene jungfräulich ist, nichts deutet darauf hin, trotz aller Prophezeiungen: doch dem solcherart Unwahrscheinlichen wird nicht verneinend begegnet, kein Kann-nicht-sein, sondern eine Frage ist die Antwort: Wie soll dies geschehen – die Frage lässt die Entscheidung über Geschehen und Nichtgeschehen offen, denn sie fragt nur nach dem Wie, als wäre das Rätsel nicht die Tat, sondern die Form. Die Frage nach dem Ursprung ist eine Frage nach der Form, der Art des Sprungs, und die Antwort des Engels legt nahe, dass es die Art des Sprungs ist, mit allem Gesetzlichen, ob geschriebenem oder biologischem, zu brechen – die Einsicht in den Sprung als Bruch, in die Brüchigkeit auch aller argumentierenden Rede, ist es wohl, welche die Angesprochene sagen lässt: mir geschehe, nachdem sie sich als Magd der Uneinsehbarkeit des Geschehenden unterworfen hat.

Jeder Ursprung ist im Unterschied zu einer Ursache so, das heisst, Ursachen sind verhandelbar, dem Ursprung aber begegnet umsonst die schützende Hand und das Zögern als Frage, denn ihm entspricht allein, sich darzubieten, Siehe, ich bin zu sagen und sich hinzugeben: mir geschehe – denn in der Hingabe erfüllt sich, was prophezeit ist, durch das Siehe wird entblösst, was ist, wird gezeigt, was sich zeigt, ein Ich-bin, doch so vorbehaltlos als Magd, so sehr Demut wie Unschuld in einem, dass von einer Selbstbehauptung im üblichen Sinn kaum gesprochen werden darf: denn ich bin zu sagen heisst da, zu erkennen, dass nur in der Hingabe ein Selbst gefunden oder behauptet werden kann, dass also alles Behaupten leer bleibt, Hybris, solange es sich nicht als dienendes bekennt, als Magd, als eines also, das sich hinzugeben vermag in einem anhaltenden Akt des Lesens oder, unterbrochen, im Ausdruck einwilligender Empfänglichkeit.

(Januar/Februar 2011)

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