BEITRAG 5: Ferdinand Schmatz

Ausrichtungen, Ansätze, Perspektiven, Positionen,
in der Dichtung
(im historischen und gegenwärtigen Feld)

Die Frage:
Was bestimmt die Dichtung, wenn sie behauptet, das zu sein, was sie ist:
Dichtung in sich und aus sich heraus?
Aber: schafft sich die Dichtung tatsächlich unabhängig vom Feld, in dem sie steht?
Wird sie doch in einer Umgebung hervorgebracht, die diese Hervorbringung mit bestimmt.
Ist sie teilweise davon beeinflusst?
Oder ganz?!

Wenn das so oder so wäre, dann die Frage:
Wie findet die Beeinflussung statt, durch wen in wem?
Wie ist das Verhältnis von dichterischem Gegenstand und den gesellschaftlichen Bedingungen –  nicht nur hinsichtlich des Themas, das gewählt wird, oder das einem gewählt wird, sondern ästhetisch umfassend?

Weitere Perspektiven dazu:
Separatismus der Kunst oder Autonomie der ästhetischen Funktion in der Dichtung – wie werden die Schichten des Werkes vom Artefakt bis zum umfassenden Sinngehalt von der Gesellschaft, der Wirklichkeit berührt oder bestimmt?

Nebenfrage: Wie wird diese Wirklichkeit erfahren und eingebunden – als objektive Realität einer Außenwelt, oder als subjektive Konstruktion einer Innenwelt?

Und wäre Dichtung aus beiden die ANDERE Wirklichkeit in diesem Spannungsfeld Innen/Außen –

als das der vorgegebenen Wirklichkeit dazu Gegebene
oder
als das daraus Weggenommene
oder
als das ineinander miteinander Verwandelte

und somit:
in sich das ANDERS Gegebene, das durch Transformation der Botschaften  aus der Um-Welt, auch diese mit transformiert, oder gar neu erzeugt:

im Spannungsfeld zwischen poetischer Tradition und dem zeitgenössischen Zustand der Mitteilungs-Sprache!

Exkurs 1
Theodor W. Adorno betont in seiner Ästhetischen Theorie die Eigengesetzlichkeit der Kunst als auch ihr Eingebundensein in gesellschaftliche Prozesse.
Kunst ist Form die Natur beherrschender Vernunft, Werke kommen zustande, indem Material – Sprache, Töne, Formen, Farben – zu einer Einheit zusammengestellt werden. Das ist ihre Rationalität. Kunst ist Ergebnis rationaler Konstruktion. Allerdings ist die Fügung des Materials so radikal, dass die Werke in ihrer Stimmigkeit als rätselhaft erfahren werden. Das Material tritt in seiner Individualität hervor, Materialfreisetzung bewirkt die Rettung des Vielfältigen, das unter Zugriff der herrschenden Vernunft verloren geht.
Kunst ist so Rettung des Nicht-Identischen. Aus kultischen Bedingungen gelöst, eigene Gesetzlichkeit ausgebildet, autonom geworden, beweist sie Unabhängigkeit von vorangegangenem Werk. Eine Herausbildung kanonischer Formen darf damit gar nicht erst aufkommen, jedes Werk ist Angriff auf das ihm vorangegangene.
Mimesis ist nicht Nachahmung der Natur, sondern dem Mythos verwandt, rekonstruiert sie, was dem neuzeitlichen Subjekt im Lauf der Emanzipation verloren gegangen ist. Keine Nachahmung der Natur im Sinn der Inhaltsästhetik erfolgt, sie steht in Wahrnehmungsrelation – eines gewaltlosen Anschmiegens des Subjekts an das Objekt, Sie ist bestimmte Negation, Widerlegung der Ratio und ihres identifizierendes Denken und dessen Herrschaft über die Natur und über die Menschen. Mimetisches ist ein Korrektiv der Ratio, Modus der Rede. Und so ergibt sich ein Rätselbild der Kunst aus ihrer Konfiguration aus Mimesis und Rationalität. Kunst bleibt Schein gegen den Schein, aber ist auch gebunden an das Historische. Obwohl sie das bloß Historische negieren will, ist Geschichte in ihr sedimentiert. Als Kritik am unwahren Ganzen steht sie im Spannungsfeld zum Authentischen, das auch im Widerspruch zum Ästhetischen steht. Kunst ist nicht durch Invarianten deutbar, sondern durch ein Bewegungsgesetz, im Entzug von bloß Wirklichem und Freisetzung eines anderen. Der Schock ermöglicht den Durchbruch von Objektivität im subjektiven Bewusstsein, und, unterscheidet sich in dieser Ausdrucksform von der meinenden Sprache, und, ist gleichzeitig der andere Teil einer verloren gegangenen ganzen Sprache. Allerdings bleibt dieser Zugriff auf die Realität gestisch, Lettern der Kunst sind Male einer Bewegung, Chiffrenschrift des geschichtlichen Wesens der Realität, nicht deren Abbild.

Gibt es eine Geschichte dieser Ein-Bindung und Um-Erfindung an und von Welt, die nicht nur Abbild ist, kann die Findung der Gegenwart, auch die der gegenwärtigen Dichtung, unsere Gegenwart aus der Geschichte herrühren, aus der Tradition, die dynamisch aufgegriffen und mitverwandelt wird:

Etwa die des historischen Poetismus?
Etwa die der historischen Avantgarde?

: Der historische Poetismus nicht als Kunstprogramm verstanden, sondern als Lebensprogramm. Der Wunsch der Gründer soll ja gewesen sein, das Leben als ein Gedicht zu betrachten.
Ziel des Poetismus war eine über-politische optimistische Betrachtung der Welt. Daraus entwickelte sich eine Schreibweise aus der Lust am Sprach- und Lebensspiel.
Alles Dasein wurde erklärt als  – Gegenwart. Und die wurde empfunden, dieses Empfinden hieß: Glück,
Aber: Kann Glück kommuniziert werden, und, vorher, herbeigeführt, erzeugt werden im Einzelnen –
der Poetismus sagt: Ja, und argumentiert trieb-sozial, verbindet den Körperzustand des einzelnen mit dem der Gesellschaft. Schnittpunkt ist die Sprache als Punkt der Bilder, die diese Emotionen verwandeln in, wiederum, Bilder aus Sprache, und Sprache, wieder und andersrum verwandelt in Bilder.
Diese werden kommuniziert, in dichterischer Rede. Kennzeichen ist der poetische Dialog, der so etwas wie eine dramatische Form des Gedichts darstellt. Wie im Drama sind gegenwärtige zwischenmenschliche Momente ins Spiel gebracht, um:
der Entfremdung in der gesellschaftlichen Welt die Einbindung in eine poetisierte Gegenwelt entgegenzuhalten, die durchaus analytisch gebildet wird. Eine dichterische Untersuchung der Um-Welt in der Erlebnissphäre des Ichs, das nicht mehr alleine empfindet, das sich aus den vorgegebenen Wahrnehmungen, die zu den Verstellungen führten, selbst herauslöst durch Entstellung der gegebenen Verhältnisse, und deren, weiterhin poetistischen Verwandlung…

: Die historische Avantgarde als Exempel einer Verbindung von Lebens- und Schreibweise in der Überwindung der Lebensform durch Hinwendung zu neuen Ausdrucksformen: wie Abstraktion, Konstruktivismus in der Literatur. Die Überwindung der aktivistischen Verssprache durch die „Numerierten Gedichte“ z.B., welche die Rezeptionserfüllung nicht im Glück der Masse, sondern im Erkenntnisprozess des einzelnen suchte. War es zum Beispiel im tschechischen Poetismus die Proletarierdichtung, welche die Basis für den avantgardistischen Poetismus bildete, so in der ungarischen Moderne die ungarischen Aktivistenkünstler, die eng an politische Utopien und handfeste politische Agitationen gebunden waren.
Kann und konnte dieser Schulterschluss gut gehen?
Untersuchen wir das, zeigen wir uns das hier im Berliner Gespräch

Ich fang mal an:

Exkurs 2
Poetismus in Tschechien:  z.B. Vitézslav NEZVAL
„Epilog zu einem beliebigen szenischen Gedicht“:
Der Epilog als Mann, der unter dem Arm eine Gans trägt … das ist nicht Surrealismus, sondern Verwandlung, die keine ist, eher eine Verbindung zweier Bereiche oder Gegenstände, die im gleichen Feld (tot oder lebendig, konkret oder abstrakt etc.) stehen, aber in ihrer Einzelbedeutung weit auseinander liegen (etwa Mensch / Tier oder Text-Epilog / Mensch – was wäre hier das Verbindende, oder Verbindliche) oder im Fall dieses Gedichts von Nezval zweier Lebewesen, die das sind, was sie sind, Gans und Mann, aber im Text ist der Mensch der sprechende Epilog, und die Gans eben die Gans (das Tier), die dann losgelassen wird, als Gans, aber dann doch plötzlich verwandelt zum Fräulein Lea, also eine Art Phantasma, das gegenwärtige Gestalt annimmt, während der Epilog plötzlich vom Mann als Textfigur zum tatsächlichen Dichter Nezval wird … diese Verwandlung von real zu erfunden, von gefunden zu ausgedacht, von ausgedacht zu real …

Avantgarde in Ungarn: z.B. Lajos KASSÁK
„Auf den Julifeldern“
Aufruf, Pamphlet, aber die Form: konstruktivistisch entworfene, klar gezirkelte und gleichzeitig stark bildbetonte Felder, mit lautgedichtähnlichen Einschüben, über die hinweg oder hinein oder hinaus – wohin –  politisch agiert, aufgerufen, zugerufen wird, argumentiert, nein idealisiert: Parteidichtung mit den stilistischen Mitteln der Avantgarde (welcher, der ungarischen, Dada, Surrealismus, Wiener Sprachzweifel-Philosophie) — eine logische Verbrüderung oder parasitäre Ver/Anwendung einer Schreibweise mit zielgerichteter Wirkung??!

Exkurs 3
Für Jan Mukarovsky stützt sich der Poetismus auf gewagte kleine Exzesse der Theorie – so:
Er kommt aus dem Osten, und dort geht Jakobson und der Strukturalismus vor, und Mukarovsky um!
Er versteht die Dichtersprache als funktionale Sprache und als Material:
was sie nicht (nur) ist: sie  ist (nicht immer) ausschmückende Äußerung,
Schönheit ist kein bestimmendes Merkmal der Dichtersprache allein.
Saldas: hat den Mut, ungewaschene und unfrisierte Wörter von der Straße zu nehmen und sie zu Sendboten der Ewigkeit zu machen.
Die Dichtersprache ist nicht mit der emotionalen Sprache identisch (macht ihre Mittel zum Zweck, in Beziehung zur Einzigartigkeit ihres Schöpfers etwa), sie greift auch zu anderen Sprachschichten. Sie ist
nicht durch Anschaulichkeit (Plastizität) allein ausreichend charakterisiert, in bestimmten Perioden kommt es auch zur Zuwendung zum abstrakten, Nichtanschaulichen
Bildliche Charaktere sind auch nicht ausnahmslos charakteristisch,
auch das Individuelle (als betonte Eigenart des Sprachausdrucks)
nicht, persönlicher Stil auch außerhalb der Dichtung möglich.

Die Dichtersprache, nur durch ihre Funktion anhaltend charakterisiert, ist keine Eigenschaft an sich, sondern die Art und Weise, in der die Eigenschaften einer gegebenen Erscheinung ausgenützt werden.
Auch wenn die ästhetische Wirkung, die Funktion dominiert, führt das zwar zur Konzentration auf sprachliche Zeichen, ist aber das Gegenteil einer wirklichen Ausrichtung auf ein Ziel, im Fall der Sprache auf die Mitteilung
(als Zielen auf den Ausdruck selbst), ist es grundlegend eine andere Erscheinung als das Zielen auf den Ausdruck zum Zwecke seiner Präzisierung (wie in der logischen  Ausrichtung bei Carnap etwa).

Die außerästhetischen Funktionen des Sprachzeichens verschwinden nicht aus dem Blickfeld des Betrachters, vor allem die Funktionen Bühlers (darstellend/expressiv/appellativ)  führen dazu, dass der Sprachausdruck oszilliert zwischen diesen Funktionen –  anschließend, abweichend, verschiedenartig kombinierend.

Ästhetische Selbstzweckhaftigkeit, dazu geeignet Verhältnis des Menschen zur Sprache und das der Sprache zur Wirklichkeit ständig neu zu beleben, innere Zusammensetzungen des Sprachzeichens neu zu enthüllen und die Möglichkeiten seiner Anwendungen aufzuzeigen, schöpferisch aus dem Vorrat der übrigen Sprachschichten!

Trotz Verletzungen der Schriftsprache, ihrer Norm, bildet diese den Hintergrund, auf dem das sprachliche Moment des dichterischen Werkes aufgenommen wird, gerade die Abweichungen vom schriftlichen Gebrauch werden als Verfahren gewertet.

Das trifft nicht auf andere Schichten der Schriftsprache zu, z. b. Argot oder Dialekt, bietet aber neue Typen des Bedeutungsaufbaus von Sätzen, Wörtern selbst, Neologismen wandern eher selten ein.

Sprache wirkt und existiert auch außerhalb der Kunst, ist derart unabhängig von den Sinneseindrücken, appelliert an keinen der menschlichen Sinne direkt, sondern indirekt an alle Sinne !!!, ist also intime Einbeziehung in die Zusammenhänge des menschlichen Alltagslebens, ist auch in das System einer bestimmten Nationalsprache eingebunden.

Also, etwas für heute, uns?:
die wortwörtliche entscheidung des dichters, sein auge, sein wort dazu, dafür, das auge als wort, auf etwas zu richten, und so zu tun, als wäre das da draussen, das, was innen abgebildet werden könnte, auch wenn es anders abgebildet werden soll, muss, das manifest verlangt es, klar, es geht gegen die ordnung der grammatik, der syntax, es geht um die erweiterung des wörterbuchs, es geht um die enzyklopädische verbindung des entfernten wie um die trennung des nahen, aber immer wieder in bezug auf eine einheit, die das durchführt, das dichterische subjekt, aber wo sitzt das, da drinnen oder da draussen, hat es hunger oder füllt es die münder der hungernden mit … wörtern, bildern, nimmt es darauf bezug, was dort zum überleben führen könnte, das frisch aufbereitete satz-mahl zum löschen oder bepinseln der male?!

Noch einmal zurück:
Die ungarische Avantgarde war in Wien, aber wo war die Wiener Avantgarde, Serner nicht in der Stadt, Ehrensteins Wien weint hin im Ruin, ist es Bettauer, ist es Paul Angel, Baudisch, sind es die Vergessenen, unsere Avantgardisten? Der Surrealismus winkt in die tschechische Avantgarde, aber wieso nicht nach Wien? Wo ist Dada in Wien, nirgends. Aber er findet sich im Budapester Wien. Wieso. Weil es andere Verknüpfungen gibt, andere Ausblicke, die sofort zu Einblicken werden, in das, was möglich schien und sich als unmöglich erwies, die gesellschaftliche Revolution über die Kunst, die Dichtung, und deshalb die konsequente Befragung des Systems Kunst, der Dichtung selbst?
Also etwas für heute, uns:

die gegebenheiten der geschichte, das verlassen der herkömmlichen landschaft, eine art exil, die in aktivismus umschlägt, also in handeln, aber ist es handeln, kann es handeln sein, in der literatur. die avantgarde sagte: ja, es ist, oder sagte sie: es soll so sein. was machte sie, sie montierte und sie montierte sich sozusagen individuell verschieden, aber eben doch ausgerichtet in das allgemeinere feld, der gesellschaft, des sozialen, aber dieses findet sich in der literaturzeitschrift wieder, im text, im entwurf, im manifest, im konzept, aber verändert es was im sozialen feld, es verändert etwas im feld literatur, wo sich die schreibweise als lebensweise einbürgert, aber in der formulierung stecken bleibt oder im einzelwesen, das dann wiederum soziale wirkung hervorruft, nämlich in der vereinnahmung duch die dem system übergeordnete instanz, der staat, die regierung, die diktatur, was weiss ich, nein, das ist historisch nachzusuchen, und löscht den ansatz aus, oder inhaliert ihn und saugt ihn auf und in die ideologie hinweg.  

Das also zum Besonderen im Allgemeinen.
Und als nächstes Besonderes, das:
„Das Gedicht ist ein Fest des Intellekts.“
„Das Gedicht ist ein Debakel des Intellekts.“

Paul Valèry und Andre Bréton legen sich fest. Was ein Gedicht ausmacht, „ist Konstruktion, Erzeugung auf der einen Seite, Destruktion, Auflösung auf der anderen.
Doch diese Polarität greift zu kurz.

Nicht nur für die Poetik Valèrys und der Surrealisten, sondern jede Poetik an sich, die den Wert eines Werkes mitbestimmt, miterzeugt.

Die Poetik und das Werk, gibt es dieses Paar?
Ich behaupte nicht, die Poetik ist das Werk, aber, wenn etwas ein Werk ist, ist es dann ohne Poetik möglich, wenn wir Wert, Wirkung und Funktion als Parameter für eine Poetik aufgreifen, und, aber, sofort fragen:

Was wirkt wie in einem dichterischen Werk, welcher Wert wird herauszuarbeiten versucht, welche Funktionen, welche spezifische Ausdrucksmittel sind am Werk, wenn sie schon nicht das Werk allein konstituieren?

Anders gefragt:
Kann ein Werk, ein dichterisches Werk ohne Poetik zu beinhalten, auftauchen, existieren, zum Vorschein kommen?

Und:
Was ist ein Werk?
Was ist Poetik?
Was ist Dichtung?
Was sind Wert,  Funktion, Wirkung?

Dichtung ist ein Werk, das seine eigene Poetik im Aufbau einer Welt mitreflektiert, indem es sie entwickelt, nämlich beide, die Welt und die Poetik, und diese als Ganzes ist: Inspiration, Imagination, Intuition und ein Regelkatalog, ein Kalkül,  Regelmechanismus, womit sich die nächsten Fragen eröffnen:

Was ist Inspiration?
Was ist Imagination?
Was ist eine Regel?
Was ist ein Mechanismus?

Eine Regel und eine Imagination sind, in der Dichtung, etwas Gewähltes und Freies zugleich, das heißt, gebunden an die Intuition des Dichters und an die Verbindung dieser Intuition mit etwas Festgelegtem, wodurch das Werk, die Botschaft der Dichtung ständig in Schwebe gehalten wird.

Dieses Festgelegte wird vor dem Dichten gewählt, aber es verändert sich während des Dichtens, so dass das Gedichtete schwebt, was nicht unklar, verwischt heißen soll, sondern die Möglichkeit der Deutungen erhöht, potenziert, um auf den Kern der Botschaft während der Lektüre vorzustoßen, besser: vorzuwandern. Denn es ist mehr ein Tasten, ein Schauen, das zur Einsicht führt, die eine Übersetzung ist, ein Tun, ein Gehen, ein Wandern, als ein Blick, eine Festlegung, eine Erfassung..

Die Lektüre ist nicht nur Lesen, sie ist auch ein Entziffern, ein Stillhalten, ein Zurückgehen, ein Teil der Poetik, der nicht angelegt ist vom Dichter, der aber in der Rezeption wirksam wird durch die Art und Weise der Kernerarbeitung durch Intuition und Kalkül.

Es ist der ad hoc Mechanismus des Freien, der aus Vernunft, Kalkül und Intuition Dichtung hervorbringt. Ja, Hervorbringung ist es, Hervorlockung aus dem Inneren des Erfahrens, das seine äußeren Bezugsquellen findet, erforscht, erzeugt. Finden ist Erfinden, Erforschen ist konstruieren, Abbild ist Bild, Wirklichkeit ist Wirklichkeit, die nächsten Gleichsetzungen und Ausdifferenzierungen zugleich, die das Werk als Dichtung Kennzeichnen und es mit einer Poetik versehen, die niemals regelnormativ allein ist.

Sie, die Dichtung, die Prosa, Gedicht, Drama sein kann, aber auch das, was universalpoetisch oder das ihr zu Grunde liegende Medium überschreitend, zu deren Vermischung führt, die nicht chaotisch, verwildert oder gar planlos erscheint, sondern so wie die Botschaft an sich, an sich schön sein kann.
Die schön sein kann, als Form, aber auch hässlich in ihrem Inhalt. Die Form selber ist immer schön.

Aber was ist schön?
Was ist die Form?
Was ist der Inhalt?

Alles zusammen ist das Gedicht. Es ist nämlich aus Inhalt und aus Form, und nur dann ist es schön, wenn sich beide Ebenen treffen, kreuzen, miteinander vorantreiben oder das zähmen, was die Intuition oder die Regel in Gang gesetzt hat. also das, was wahr ist.

Exkurs 4
Mukarovsky setzte den Schritt vom Formalismus, alles im Werk ist Form, zum Strukturalismus, alles im Werk ist Bedeutung:
der Horizont des ästhetischen Objekts ist nicht das subjektive Bewusstsein des Individuums, sondern die überindividuelle, intersubjektive Ebene des gesellschaftlichen Bewusstseins,  auf der sich die historische Bewegung der ästhetischen Haltungen und Normen einer bestimmten Gesellschaftsgruppe realisiert. Der dynamische Bereich des ästhetischen wirkt im Kollektivbewusstsein als ein die Zeit durchlaufender Kräftekomplex, als angesammelte Erfahrung aus der Begegnung mit vorangegangen Werken, auf deren Grundlage erst die Konkretisierung des neuen Werkes eintritt.

Bedeutung ist präsentieren der Wirklichkeit, die Bestimmung der Bedeutung ist, auf jene Wirklichkeit zumindest hinzuweisen, die das Zeichen meint. In der Verknüpfung mit dem historischen Prozess, in dem sich sein Sinn stabilisiert. Das Werk selbst wird als dynamischer Prozess, als Geschehen des Sinns begriffen, als Erscheinen einer Wahrheit, die nicht als fertige Wahrheit vor dem Werk vorhanden ist, und die außerhalb der konkreten einmaligen gestalt und der ästhetischen Realität des Werkes nicht begriffen werden kann.

Also, für uns:
Das Gedicht schafft sich seine eigene Wahrheit, da sie Sprache als Substanz und als Mittel verwendet. Diese Wahrheit ist nicht zu verstehen im Sinne eines Richterspruchs, sie muss im Leser immer wieder erarbeitet werden: als wiederholte Lektüre, die nicht automatisiert abläuft, sondern die Regeln, die dem Gedicht zugrunde liegen oder die das Gedicht sich selber schafft, anwendet, und stets anders oder neu erfährt. Ohne sie erlernt zu haben – weil sie in der Form des Gedichts stecken und im Inhalt, der nicht anderes ist als: Gestaltgehalt. Die Regel, die ihn in Kombination, Widerspruch oder Gleichgewicht mit der Phantasie, besser: Imagination schafft, ist so eine intuitive Regel.

Es ist die Idee Baudelaires vom durchgehenden Zusammenhang, der sich in freien Rhythmen äußern kann wie in den prosodischen Konventionen, die tief im inneren des Menschen sitzen, die er anwendet, aber nicht weiß, als beschreibbare Regel. Das ist mit intuitiver Regel gemeint, die das Gedicht erzeugen soll oder zumindest abrufen können, nicht nur als Stimmungsimpetus im Dichter, sondern im durch den in das Machen des Gedichts hinein verwobenen Leser.

Poetik ist Machen. Poesie ist Erfahrung dieses Machens. Dann ist es.

Ohne es wäre Dichtung, ja Erfahrung, Welt nicht möglich, ob sie jetzt gebrochen, erweitert, irritiert, ins Rauschen gebracht wird oder nicht, der Bezug zur Vernunft, Organisation, Abstimmung bleibt, und er leitet Poetiken ein, die eine absolute Sicherheit des Wissens unterwandern, und ihr eigenes, umgedeutetes, aus der Erfahrung mit und in der Sprache hervorgebrachtes Wissen in Spiel bringen, das mehr als ein Sprachspiel ist:

„blickt zu mir der Töne Licht“

und oder:

„je preiser einer gefällt wird, desto durcher fällt er“

Zwei Formulierungen, aus Brentanos „Abendständchen“, und,  aus der Sprachfackelei von Karl Kraus:

Warum verstehen wir beide Aussagen, nicht sofort, dann schon, dann wieder nicht.

Dann, schon, wieder nicht, also noch einmal, noch einmal, und immer wieder die Frage, gibt es die Poetik, die ich meine, die mich ergreift, etwa die:

Die Beschreibung der Welt mündet in die Zerschneidung der Welt. Alles Verabredete wird aufgekündigt. Aber die Beschreibung geht weiter und weiter. Die fünf Sinne genügen nicht. Das Buch des Körpers und der Dinge wird neu verfasst, nichts bleibt an seinem Platz. Alles ist in Bewegung. Die Grenzen der Wahrnehmung werden hinaus geschoben – im Bewusstsein, das die Welt ist. Sein Alphabet fügt dem Wörterbuch der Erfahrung den sechsten Sinn hinzu. Dieser kommende Sinn ladet und staut sich in den Wortverbindungen auf. bis sich ihre Energien in der Sprache entflammen. Auf einer Bühne des Bewusstseins, wo mit Wut, Trauer, Witz und Ironie lapidar phänomenal auf- und vorgeführt wird: das Unheimliche am Bestehenden. am Gegebenen, das im Alltag, Im Reden, im Namen, im Schauen, in den Bildern regiert.

Dieses Diktat, das den Umgang mit sich selbst und den Dingen bestimmt und das Verhalten regelt, wird ans Licht gebracht, mehr als in Frage gestellt. Die Antworten des Dichtens bestehen nicht nur aus Gefundenem, sondern vor allem aus Erfundenem. Auch das (ohn)mächtige Ich erfindet den anderen und sich selbst. In einer Wirklichkeit, die aus mehreren besteht, auch aus Sprachschichten und ihren diversen Modellen des Redens, vor allem aber des Zeigens.

Diese Sprache zeigt, diese Dichtung ist Phänomenologie, die ihr aufgeschaukeltes Boot der Empfindungen und Wahrnehmungen auf offener See des Textes umbaut. Das führt auch zu Verrenkungen, aber eröffnet ein Verlangen, das tief geht, in Lust. Möglicherweise ein oberflächliches Spiel  am Grund. Aber mit eigenen Vorgaben, um im Bewusstsein jene unbefleckte Stelle zu finden, wo sich das Ich nach selbst bestimmten Regeln ereignen kann. Das wäre mit ein Traum in eine Poetik der Gegenwart. Real. Nicht realistisch. Er könnte eine Maschine sein, die ihre Räder von sich stößt, und ihre Regeln verliert ….

Was uns am Schluss wieder zum Anfang führt:

zu den Bausteinen einer künftigen Poetik:

Das vage Präzise, das unbestimmte Bestimmte, das Subtile, die Komplexität:

Subtil – das wäre der lebendige, detaillierte Ausdruck eines einfachen Gefühls, das Intensivierung erfährt.

Komplexität – das wäre der Vorgang der Erweiterung dieses Gefühls durch seine Intellektualisierung.
Und umgekehrt: die Erweiterung einer Idee durch deren Emotionalisierung.

Ich spreche vom Fühlen und Denken in Bildern, vom Gleichgewicht von Objektivität und Subjektivität, von Form und Inhalt.

Das zeichnet die Poesie? Aus? Ein?
Die damalige, die heutige, die von Morgen lassen wir mal, Zukunft schließt aus, es hat das zu im Wort.

Wem also bin ich im Wort, wenn ich das Wort dichterisch gebrauche, setze?

Ich höre nicht auf, ich fange wieder an und habe nichts zu sagen, außer: