BEITRAG 6: Franz Josef Czernin

Lieber Ulf,
hier nun mein Beitrag zu Timber! Er ist eine gekürzte und vorläufige Fassung eines Texts, an dem ich noch arbeite. Manches ist deshalb ungemäss vereinfacht und wohl auch nicht hinreichend ausgegoren und deshalb allzu erklärungs- und ergänzungsbedürftig. Das betrifft vor allem die Verhältnisse von Wahrem zu Schönem und von Ethischem zu Ästhetischem, die hier noch ungeklärt zwischen den Zeilen schweben. Ich hoffe daher, dass es bei unserem Treffen in Berlin Gelegenheit gibt, manches zu erläutern, aber auch auf die Einwände und Vorschläge anderer Teilnehmender. Dass die von mir so genannte strukturalistische Analyse (also der zweite Abschnitt im Text) in etwas anderer Form soeben in der Zeitschrift Wespennest (Nummer 161) erschienen ist, sei hier angemerkt.
Mit herzlichen Grüssen
Dein

Franz Josef

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Literatur und Politisches

1. Prolog

Von weitem sehe ich durch ein erleuchtetes Fenster jemanden über einen Text gebeugt, irgendwo und irgendwann, mitten in diesem unabsehbaren und also auch dunklen Geschehen, das wir Wirklichkeit nennen. Wer immer es ist, er scheint nichts davon zu bemerken, dass im selben Augenblick – man weiss es doch – zahlloses Zeugen, Empfangen-, Gestorben- und Geborenwerden geschieht, Hungern und Sterben im Elend, dass gefoltert und gemordet wird, während andere wieder an allzu reich gedeckten Tafeln sitzen oder so handeln, dass sie all dieses Elend zumindest mitverursachen.
Wer aber ist das, der sich da über einen Text beugt? Es könnte irgendjemand sein, lesend oder schreibend, sei es ein Tagebuch, eine mathematische Formel einen Einkaufszettel, ein Parteiprogramm – oder natürlich ein Gedicht, ja auch ein politisches Gedicht. Es ist jedenfalls jemand, der etwas Bestimmtes tut und das allermeiste andere nicht. Und in dieser Lage bin ich, ja sind auch wir, die wir uns gerade eben mit diesem Text befassen oder auch über unser Schreiben und Lesen nachdenken.
Sind denn Elend, Ungerechtigkeit, Gewalt in diesen Augenblicken des Lesens oder Schreibens nicht zu spüren? Oder ist die Welt des Glücklichen tatsächlich eine andere als die des Unglücklichen? Ist, um Bishop Berkeley hier zu variieren, esse percipere, gibt es nur das, was hier und jetzt wahrgenommen wird? Jedenfalls lassen wir uns das kleine, eng umgrenzte Licht über unserem Text, das wir selbst sind, einstweilen nicht nehmen.
Gibt es überhaupt einen richtigen Umgang mit Texten im falschen Leben und im elenden Sterben? Und wenn nicht, warum handle ich dann symbolisch, anstatt tatsächlich Hand anzulegen. Vielleicht ist um meiner Selbstrechtfertigung willen der (wenn ich mich hier so biblisch ausdrücken darf) Versucher an mich herangetreten und hat mir eingeflüstert, dass das Symbolische die Wirklichkeit wunderbar beeinflusse. Wenn am Anfang das Wort war, dann können auch unsere Worte manches Elend lindern oder gar verhindern. Die sprachliche Bezugnahme auf politische Sachverhalte wäre dann so etwas Ähnliches wie das zu erjagende Tier an die Höhlenwände von Lascaux zu malen.
Ja, ich laboriere am Symbolischen und fühle mich – und auch jetzt und hier – wieder einmal als eine Art Philosoph, der die Welt interpretiert und sich zu überreden sucht, er verändere sie dabei auch. Denn gerade darauf soll es doch ankommen (wie ich allerdings auch nur aus einem Text zu wissen glaube).

2. Land der Berge, Land am Strome. Ein bekannter Text im Geiste des Strukturalismus.

Die österreichische Bundeshymne [1]:

Land der Berge, Land am Strome,
Land der Äcker, Land der Dome.
Land der Hämmer, zukunftsreich.
Heimat bist du großer Söhne,
Volk begnadet für das Schöne,
Vielgerühmtes Österreich,
Vielgerühmtes Österreich.

Heiß umfehdet, wild umstritten,
Liegst dem Erdteil du inmitten
Einem starken Herzen gleich.
Hast seit frühen Ahnentagen
Hoher Sendung Last getragen,
Vielgeprüftes Österreich,
Vielgeprüftes Österreich.

Aber in die neuen Zeiten
Sieh uns festen Glaubens schreiten,
Stolzen Muts und hoffnungsreich.
Lass uns brüderlichen Chören,
Vaterland dir Treue schwören,
Vielgeliebtes Österreich,
Vielgeliebtes Österreich.

Paula Preradović

2.1. Strukturalismus

Es fällt oft schwer, die Komplexität von allzu Bekanntem zu erkennen und wertzuschätzen. Auch bei der Rezeption literarischer Texte geht Gewohntsein oft mit falscher Selbstverständlichkeit einher. Glücklicherweise gibt es literaturwissenschaftliche Instrumente, die erlauben, allzu Vertrautes in neues Licht zu rücken, vielleicht ins Unvertraute zu verwandeln, gleichsam zu desautomatisieren und, im besten Fall, die vorgesehene Wirksamkeit eines Textes her- oder wiederherzustellen. Eine leitende Annahme dabei ist, dass Gewohntes Ordnungen verbirgt, die durch Analyse und Deutung des Zusammenspiels von Komponenten der – in der Terminologie des Strukturalismus ausgedrückt – syntagmatischen mit solchen der paradigmatischen Achse offenkundig werden können. Im Fokus eines solchen Textumgangs steht also die sprachliche Struktur eines Texts, dessen Begriff dabei vor allem die phonologischen, grammatikalischen und semantischen Merkmale umfasst. Der Text in diesem Sinn ist dann der zentrale Bezugspunkt für weiter ausgreifende, etwa Intertextuelles und Weltanschauliches vermittelnde, Deutungen.
Ich werde meinen Versuch der Analyse und Deutung des Texts von Paula Preradović zur österreichischen Bundeshymne im Geiste des Strukturalismus auf die erste Strophe beschränken und auch da (und nicht zufällig) nur auf eine partiale Analyse und Deutung. Preradović´s Text eignen – zumindest unter strukturalistischem Gesichtspunkt – unabschliessbare komplexe Zusammenhänge und Bezüge, und mit der Beschränkung auf bestimmte Aspekte der erste Strophe soll nicht suggeriert sein, dass die anderen Strophen nicht ebenso viel verborgene Ordnung enthalten, die genauerer Auseinanderlegung wert wäre.

2.2. Poesie der Grammatik

Was sich in der ersten Strophe zunächst zu näherer Betrachtung aufdrängt, ist das Iterative und damit das insistierende Nennen und mit beidem exzessive Parallelismen: Das Wort Land erscheint nicht weniger als fünf Mal in den ersten drei Versen. Und dies jedesmal als betonte Silbe, gleichsam als Paukenschlag.
Und es ist nicht zuletzt diese vielfache Wiederholung, die nahelegt, bestimmte Differenzen festzustellen: So ist das Land, verlässt man sich auf Metrum und wiederholende Insistenz, das Feststehende, dem Berge, Strome, Äcker, Dome und Hämmer – gleichsam als Akzidentien – zugeordnet werden. Doch bei genauerer Analyse zeigt sich, dass es sich mit der Relation von Feststehendem und diesem Zugeordnetem nicht so einfach verhält – dass eben in dieser (um es mit einem berühmten Wort Roman Jakobsons zu sagen) die Poesie der Grammatik entdeckt werden kann [2]. Denn der Text lässt offen, um welche Art von Genitiv es sich eigentlich handelt, ja, ob hier nicht eine Reihe unterschiedlicher Genitive im Spiel ist: Land der Berge, Äcker, Dome, Hämmer – handelt es sich dabei um einen Genitivus qualitatis? Dann bezeichnen Berge, Äcker, Dome und Hämmer Eigenschaften des Landes. Das scheint zunächst nahezuliegen und Land als Standbein, als Feststehendes zu bestätigen; Berge, Äcker, Dome, Hämmer wären dann dem Land zu- und nachgordnete Qualitäten. Es könnte sich aber auch um einen Genitivus explicativus handeln – und damit würde jene Zuordungsrelation einigermaßen in Frage gestellt. Dann nämlich beschreibt der Genitiv einen Gegenstand, so dass das Land seine Identität durch Berge, Äcker, Dome, Hämmer erlangte, die es erst näher bestimmten. Gerade diese Möglichkeit mag aber ein Hinweis dafür sein, dass hier auch einige der Arten von Genitiven im Spiel sind, die jene Relation von Feststehendem und diesem Zugeordnetem geradezu umkehren: Etwa der Genitivus possessivus: Ihm zufolge nämlich gehört das Land zu den Bergen, den Äckern, dem Strom, vielleicht auch zu den Hämmern; das Land wird von seinen repräsentativen Merkmalen gleichsam besessen. Es könnte sich aber auch um einen Genitivus partitivus handeln: Dann ist das Land ein Teil der Berge, Äcker, der Dome vielleicht sogar der Hämmer. (Allerdings wird für Dome und Hämmer die Wörtlichkeit der Teil/Ganzes-Beziehung fragwürdig. In einer ausführlicheren Analyse wäre dem nachzugehen).
Nun enthält der erste Vers auch den Dativ Land am Strome. Der Strom kann hier (ebenso wie Land; dazu mehr weiter unten) als ein singulärer Term und als extensionsgleich mit dem Eigennamen Donau gelesen werden. Doch ist – vor allem aufgrund seines Eingebettetseins in die Genitivattribute, die sämtlich plural sind – Strom auch als Prädikat hörbar. Dazu trägt der Reim bei und der Archaismus des Dativ-E, der für unsere modernen Ohren den Plural anklingen lässt. All dies trägt dazu bei, dass auch hier die Ambiguität Feststehendes/diesem Zugeordnetes zu fühlen ist: Das Land liegt am Strom, ist diesem insofern eher nachgeordnet, während der Strom eher das Primäre (wenn auch nicht das Feststehende) ist. Naheliegend ist aber auch der gegenteilige Akzent. Zum einen deshalb, weil ein Strom eben nichts Feststehendes ist, sondern, im Gegenteil, exemplarische Bewegung. Zum anderen wegen des Versakzents auf Land und der Zäsur in der Versmitte des vierhebigen Trochäus. Und endlich bedingt durch den Kontext des Gedichts, in dem eben das Land Österreich besungen und gerühmt sein soll [3].

2.3. Begriffe und Oppositionen

Die insistierende Wiederholung von Land, die unterschiedlichen, mit dem Land verbundenen Dinge (Berge, Strom, Äcker, Dome, Hämmer) und ebenso die angedeutete grammatikalische, nämlich vor allem genitiv-vermittelte Vieldeutigkeit tragen dazu bei – um es mit Roman Jakobson zu sagen –, die Aufmerksamkeit auf die Form der Nachricht zu lenken und damit auch auf Gemeinsamkeiten und Gegensätze zwischen den Begriffen, etwa von Berg, Strom, Acker, Dom und Hammer. Mit ihnen eröffnet sich eine wie unabschliessbare Reihe von Möglichkeiten, von denen hier nur einige wenige erwähnt seien: So hat das Begriffspaar Berg/Strom (erster Vers) Natur und Landschaft gemeinsam und zudem die Oppositionen fest/flüssig, oben/unten, vertikal/horizontal, beweglich/unbeweglich und wohl auch – einigermaßen figurativ – Raum/Zeit.
Dem Begriffspaar Strom/Acker ist das Horizontale gemeinsam, es enthält aber auch die Oppositionen fest/flüssig, unbeweglich/beweglich, Ort/Weg und wilde Natur (Strom)/kultivierte Natur (Äcker).
Komponenten des Begriffspaars Äcker/Dome bezeichnen beide (wenn auch auf verschiedene Weise) menschliche Tätigkeiten und enthalten – allerdings in umgekehrter Reihenfolge als Berge/Strome; und dieser Umkehrung könnte man nachgehen – die Oppositionen unten/oben, horizontal/vertikal, dann aber auch, metonymisch vermittelt, Erde/Himmel und metaphorisch irdisch/himmlisch bzw. säkular/sakral – und damit auch die Opposition von auf Irdischem und auf Himmlischem beruhenden Menschenwerk. (Das Motiv des Himmlischen und Sakralen wird dann im 5. Vers mit begnadet wieder aufgenommen.)
Verwickelt sind die Beziehungen des Paars Strome/Dome: Die Dome liegen, wie die grösseren Siedlungen, ja, wie Städte überhaupt, am Strom (an der Donau). Der Strom ist dabei gewissermaßen eine Bedingung für die Stadt und damit auch für die Dome. Die Dome stehen dabei metonymisch für das Religiöse und Katholische und ebenso phänomenal für das Streben nach oben, nach, sagen wir, Gott und dem Atemporalen und sind auch insofern in starker Opposition zum Strom, der das Horizontale enthält und, metaphorisch, an das Zeitliche und Vergängliche erinnert [4].
Mit Berge/Dome schliesst sich auch ein semantischer Kreis, und dies in untergründiger Metaphorik: In den steilen Gipfeln der Natur ist Gott oder das Religiöse ebenso angesprochen wie im Dome, und vielleicht sind hier wie von Ferne die Felsendome mithörbar, und umgekehrt deshalb in Berge das Bergende und Schützende, das ja auch der Dom ist. (Dies auch der Etymologie von Dom wegen: domus, lat. = Haus). Mit Äcker/Dome klingt auch die Opposition Land/Stadt an. (Dabei ist eine Mehrdeutigkeit des Wortes Land im Spiel. Land bezeichnet auch eine soziale Kategorie, die im Gegensatz zu jener der Stadt steht.)
Nun mag es zu denken geben, dass die Stadt – und mit ihr die Moderne, das Urbane – nur mit Dom angedeutet wird, ansonsten aber keine expliziten Hinweise auf Modernität und Urbanität zu finden sind. Es ist jedoch vielleicht gerade die Aussparung, das Abwesende, was die fehlende ausdrückliche Bezeichnung der Urbanitität als präsent fühlen lässt: Nichts suggeriert das Urbane mehr als das Ländliche – wie auch das Säkulare durch nichts deutlicher markiert sein mag als durch seine Aussparung. Und dies insbesondere deshalb, weil die Semantik des Gedichts in hohem Maß aus Oppositionen aufgebaut ist. Hier könnte sich nicht zuletzt der Einfluss der Mallarméschen Poetik von Andeutung und Suggestion durch indirekte Bezeichnung manifestieren: Gerade die wichtigsten Gegenstände sollen (oder können) nicht angemessen ausdrücklich bezeichnet oder dargestellt werden.
Strom nun steht zu Äcker in einer Kontiguitätsbeziehung (der Strom grenzt an die Äcker), während Berge und Äcker durch das gemeinsame Merkmal fest/erdig sich eher metaphorisch zueinander verhalten: Berge sind dann gleichsam vertikal aufgefaltete potentielle (oder auch zukünftige) Äcker, Äcker flach geplättete Berge. Berge und Strome wiederum stehen in einer etwas verwickelten metonymischen, nämlich zeitlichen Beziehung: Die Quellen (die im Gebirge entspringen) sind gleichsam zukünftige Flüsse und diese der zukünftige Strom. Andererseits ist hier auch eine metaphorische Beziehung untergründig wirksam: Denn der Strom, der ja Erdreich mit sich führen kann und aus den Bergen stammt, ist auch gleichsam verflüssigter Berg oder Fels.
Dome und Hämmer sind beide Erzeugnisse menschlicher Erfindungsgabe und exemplifizieren vor allem die Opposition von Werkzeug und dem, was durch seinen Gebrauch mithervorgebracht wird – auch sie sind also über eine Metonymie miteinander verbunden. Wobei zunächst erstaunen (und vielleicht auch irritieren) mag, dass die Dome in dem Text vor dem Werkzeug, also den Hämmern, vorkommen, die an dem Dombau beteiligt sein mochten. Doch bei genauerer Betrachtung und Überlegung ist das durchaus schlüssig: Zum einen wird hier der Blick aus grösserer Entfernung (Dome) zu grösserer Nähe und damit zu kleineren einzelnen Dingen gelenkt, wie es Hämmer sind. Zum anderen vermittelt diese Reihenfolge auch, dass mit Hämmer das vorindustrielle Zeitalter verlassen wird – etwas, das vollends erst mit dem nächsten Wort, mit zukunftsreich, deutlich wird: Dieses Wort nun präfiguriert das erst im vorletzten Vers genannte Österreich: Zukunftsreich und Österreich reimen nicht nur reich, sondern sie sind die einzigen Wörter in der ersten Strophe, die dem metrischen Schema des Kretikus folgen, bei dem eine Senkung von zwei Hebungen eingeschlossen wird. (Zu diesem angedeuteten zeitlichen Verlauf ist noch mehr zu sagen; ich komme weiter unten darauf zurück.) So entfalten sich durch die in jeweils einem Vers versammelten Begriffspaare elementare begriffliche Konstellationen – elementar für unsere Welterfahrung und zugleich für die Erfahrung des Teils der Welt, der Gegenstand des Textes ist.
Mindestens so komplex und wohlgeordnet wie die Beziehungen zwischen den Begriffspaaren sind diejenigen zwischen Begriffstripeln und -quadrupeln und dem Begriffsquintupel: Berge, Strome, Äcker, Dome, Hämmer. Ich will dies hier nur am Beispiel des Quintupels zeigen: In der Folge Berge/Strome/Äcker/Dome/Hämmer lässt sich ein sinnvoll-linearer Verlauf, gleichsam ein Itinerar entdecken: Einige der Quellen des Stroms entspringen in den Bergen; tiefer, weiter unten, in der Ebene fliessen die Bäche/Flüsse zum Strom zusammen, der seinerseits durch die Äcker fliesst. Die Reihenfolge der Begriffe lässt uns also von hoch oben, von den Gipfeln, den Weg in die Ebene erfahren. Der lineare Verlauf, so wie er durch die Reihenfolge der Begriffe exemplifiziert ist, hat aber noch andere Komponenten: Er führt von den unbewohnbaren und nicht-menschlichen Bergen – und damit vom Rohen und Vorkulturellen – über den verbindenden Strom zur Kultivierung der Landschaft, die durch das Erscheinen eines Volks möglich wird, das die Äcker bestellt. Hier wird das Zeitliche als Räumliches und das Räumliche als Zeitliches erfasst. Es ist deshalb nur folgerichtig, dass man sich schon mit dem nächsten Begriff Dom in grösseren Siedlungen wiederfindet, in Städten, in denen Menschen – nun schon kultiviert, und nicht zuletzt christianisiert und katholisiert – Dome errichten und in denen sich bald Handwerk und Industrie finden: Land der Hämmer. Hier sind Raum und Zeit des rein Agrarischen schon verlassen. Vielsagend dabei auch (und auch dies wäre näherer Analyse wert), dass jedes zweite Element des Quintupels assoniert, und die assonierenden Wörter Berge/Äcker/Hämmer noch dazu genau untereinander stehen und auch metrisch an derselben Stelle (2. Hebung).

2.4 Mikrostruktur

Bis jetzt sind einige Aspekte der, wie ich sagen möchte, Makrostruktur des Textes analysiert worden. Das Gedicht ist jedoch zudem auf vergleichsweise mikrostruktureller Ebene geordnet, und dabei lassen sich Unter-, aber auch Gegenströmungen zu den makrostrukturell vermittelten Bedeutungen erkennen.
So klingt etwa in Heimat die Heu-Maht an. Die rurale und agrikulturelle Konnotation spezifiziert und erdet damit die Heimat. Aber das ist nicht alles: Liest man (zweiter Vers) da über die Wortgrenze von Äcker hinweg bis zum Wort Land dann lässt sich das Wort Kerl bilden: Äckerland. Das allein wäre noch zu wenig, um als Hinweis für eine untergründige Bedeutung zu gelten, doch gibt eine Reihe von ähnlichen Beziehungen: So kann man aus Land der Äcker: Räcke(r) herstellen, und dabei wird Recke hörbar, das sich auch mit Kerl semantisch sozusagen reimt, und beide, Kerl und Recke, finden sich makrostrukturell in den grossen Söhnen wieder: Die grossen Söhne wären – so gesehen und gehört – Recken und Kerle. Zu dieser zunächst verborgenen Sinnkonstellation passt auch, dass sich aus der Berge das Wort derb bilden lässt (derberge); die grossen Söhne befinden sich also, wenigstens am Beginn des Texts (und seinem oben angedeuteten Verlauf gemäss) in einer Art Naturzustand, sind wehrhaft, stark, gewissermaßen raue Burschen. Es mag hier auch noch hineinspielen, dass das dreimal vorkommende der ein Anagramm von erd ist. Wohl nicht zufällig wird der dreimal nach Land wiederholt, das doch seinerseits semantisch mit Erd(e) eng verbunden ist. Im Zusammenhang damit mag im ersten Vers noch mit Land am Strome, Damm zu hören sein, und damit auch der Land–Damm hörbar werden. Tatsächlich passt das auch zu dem Strom, zu seiner Eingrenzung und Eindämmung, zur Zivilisierung seiner, manchmal tödlichen, Gewalt. (Hier liegen Übertragungen auf mentale Zustände der Österreicher nahe.) Es fügt sich dabei glücklich, dass die Hämmer, mit ein wenig akustischer Phantasie, auch als das Hemm-Meer zu hören sind, vielleicht gleichermaßen als das gehemmte wie das hemmende Meer. Hier könnte metaphorisch die urösterreichische Angst vor dem Fremden, Anderen anklingen und zugleich der vielleicht betrauerte Verlust des direkten Zugangs zum Meer. Dass in Strome auch Rom zu finden ist, kann als ein weiterer Hinweis auf Religion und Katholizismus gelten, allerdings in verdächtiger Nähe zu Land-Damm und damit auch zur Verdammung. Was verdammt und was wird verdammt? möchte man fragen. Geistert in diesen Mikroturbulenzen nicht etwas vom dreissigjährigen Krieg, etwas von Protestantismus auch und Gegenreformation?
Zu Rom in Strome, dem damit angedeuteten Sakralen, fügt sich auch Österreich, in dem Osten und Ostern zu hören sind und damit auch der christliche Topos des ex oriente lux. Auch auf dieser Ebene bestätigt sich der Zusammenklang von Säkularem und Sakralem, wie er auch in der Homonymie von zukunftsreich und in Dome und in dem Wort begnadet manifest wird.
Eine weitere Reihe von untergründigem und mikrostrukturellem Sinn wird durch verborgene Schüttelreime erzeugt. So lässt sich Land der Hämmer zu Hand der Lämmer schütteln. Gewiss ist der Zusammenhang zu anderen Textbedeutungen einigermaßen enigmatisch, aber sicherlich ist hier auch wieder das Katholische, Christliche und Sakrale präsent, und zugleich auch das Rurale, die Heimat bzw. Heu-Maht. Auch das Wort Heimat lässt sich schütteln und dies durchaus sinnvoll im Kontext des Gedichts. Aus Heimat wird dabei Mai hat. Da schwingt nicht nur süddeutsch-Dialektales mit (jo mai!), sondern auch der Mai als das Zukunftsreiche schlechthin, der Frühlings- und Wonnemonat. Ein weiterer Schüttelreim, der einen starken Kontrast enthält und zur inneren Spannung des Gedichts, namentlich zu der zwischen Sakralem und Säkularem, wesentlich beiträgt: Dome/Mode. Die Dome (das Religiöse und Sakrale) sind gleichsam die Antithese zur Mode, hier wohl als Anzeichen von pejorativ verstandener Säkularität, nämlich von eitler Weltlichkeit und Sinnlichkeit zu verstehen. (Ich habe schon erwähnt, dass die weltliche Stadt, das Urbane als Nicht-Genanntes untergründig und deshalb umso wirksamer in dem Gedicht vorhanden ist.) Und dabei könnte auch ein intertextueller Bezug zu Walter Benjamins berühmten Diktum gegeben sein, zu seiner Bemerkung zu Baudelaires Gedichten, in denen „die Mode die Ewigkeit beim Genick packt“ – hier also packt die Mode die Dome oder die Dome die Mode beim Genick. Es gibt noch eine Reihe solcher Hinweise auf zunächst verborgene Mikrostrukturen, dem aufmerksamen Leser werden sie nicht entgehen.

2.5 Konkret und abstrakt

Es ist die Zäsur nach Hämmer (3. Vers), die einen Wendepunkt des Texts markiert. Denn bis dahin werden nur Konkreta ausdrücklich bezeichnet: Berge, Strom, Äcker, Dome, Hämmer. Erst nach der Zäsur erscheint (jedoch verlaufslogisch im oben angedeuteten Sinn konsequent) ein erstes unanschauliches und abstraktes Epitheton für das Land: Das Land der Hämmer ist zukunftsreich. Damit tritt der Text in den Bereich der Selbsterkenntnis, der Selbstvergewisserung und der Reflexion ein.
Denn die Konzeption einer Zukunft – eigentlich von vielen Zukünften (R/reich an Zukünften gewissermaßen) – setzt das erwähnte Itinerar, den Weg von den Bergen, der rohen Natur bis ins Zivilisierte, ja Kultivierte, ins Mentale oder Geistige und Konzeptionelle fort. Nicht nur durch die implizite Pluralisierung von Zukunft ist hier eine subtile Atemporalisierung zu fühlen: Da das Adjektiv zukunftsreich auch Homonym des Substantivs Zukunftsreich ist, schwingt neben der offenkundigen Konnotation Fortschritt auch eine eschatologische Konnotation mit, und damit wird auch ein überzeitliches Land und Volk, eine überzeitliche, ja ewige Heimat, ein unzerstörbares Österreich heraufbeschworen. Der Text zeigt sich nun als der österreichische Weg aus konkreten und kontigenten Gegebenheiten ins Konzeptionelle, Geistige und Notwendige und, wie hier suggeriert wird, auch ins Zeitlose. Allerdings erscheint jetzt, nach all den nicht-menschlichen und unbelebten Dingen (Berge, Strom, Äcker) noch ein weiteres, ein letztes, ein menschliches Konkretum: die Söhne [5]. Sie sind ja, wie der Text will, die Träger des Geistigen und damit der Kultur; Träger auch einer konzeptionellen oder geistigen Entwicklung, einer Linie, die sich durch die Punkte Land, Heimat, Volk, Österreich ziehen lässt: Der Weg führt von dem unspezifischen Land, zu einer als vertraut empfundenen Umgebung (Heimat), dann weiter zum Volk, also dem von bestimmten Menschen bewohnten Land (ein durch Sprache und Lebensform verbundenes Kollektiv) und endlich zu Österreich, dem Staat, der politisch-zivilisierten und geistig legitimierten und legitimen Ordnung des Volks. Das wird auch durch den syntaktischen und rhythmischen Spannungsbogen exemplifiziert: Land, Heimat und Volk finden sich an erster Versstelle, bilden jeweils die erste Hebung und erst das eigentliche Telos Österreich, das zwei Hebungen (den Kretikus) enthält – als wollte es die vorigen Stadien der Staatswerdung metrisch in sich aufnehmen –, rückt an den Schluss der letzten beiden Verse und damit auch der Strophe. Das Wort Österreich und das, was es bezeichnet, sind zugleich Lösung der Spannung (alles hat sich auf den Staat hinbewegt) und strahlender Schlussakkord. Der Verlauf (der Weg) lässt sich nun auch in sprachlogischen Begriffen analysieren: Land und Heimat, aber auch Volk könnten zunächst sowohl als Prädikate (irgendein Land, irgendeine Heimat, irgendein Volk) als auch als singuläre Kennzeichnungen gelesen werden. Es stellt sich erst im Laufe des Textes heraus, dass es sich um das Land, die Heimat, das Volk Österreich(s) handelt, nämlich endgültig und ein für alle Male erst dann, wenn der Name Österreich erscheint. Der Name des Staates und das Staatliche selbst als hohe, vielleicht höchste Entwicklungsstufe stellt sich erst am Ende als Entwicklungsziel heraus: Als ob der Staat aus den Eigenschaften des Landes erwachsen würde. Das ganze Gedicht offenbart sich dann als eine einzige singuläre Kennzeichnung, die den Namen Österreich gleichsam definiert, nur erscheint das „Definiendum“ eben erst am Schluss.
Noch einmal in Erinnerung an Jakobson: Durch das Lenken der Aufmerksamkeit auf die Form der Nachricht können auch das Textgenre und die möglichen Funktionen und Kontexte der Textrezeption deutlich werden: In diesem Fall ist der Text ein Hymnentext, seine Funktion ist das Rühmen und Preisen ihres Gegenstandes, der Gegenstand ist in diesem Fall Österreich – und die Situation (der Kontext) besteht auch wesentlich darin, dass Österreicher (die grossen Söhne vor allem) sich selbst rühmen. Hegelianisch könnte man sagen: Im Verlauf des Rezipierens der Hymne werden sie sich selbst anders, sie sind sich selbst gegenüber, entdecken sich in ihrer Entwicklung als zu Rühmendes und zu Preisendes, eben indem sie rühmen und preisen. Die Österreicher, das Land, die Heimat, das Volk rühmt und erkennt sein Rühmliches durch den Gang des Texts, durch den Verlauf der Strophe. Der Text beansprucht also, das zu vollziehen, wovon er redet, er selbst erscheint als ein Ergebnis der Begnadung seiner grossen Söhne – wenn es auch (und hier mag auch eine der angedeuteten Unter- und Gegenströmungen fühlbar werden) eine Tochter Österrreichs ist, die Dichterin Paula Preradović, die eben dies ausspricht und damit jenes Schöne, für das das ganze Volk begnadet ist, hervorbringt.

2.6. Ästhetischer Wert

Ich will mit diesem Text nicht Strukturalismus, Formalismus oder andere Traditionen des so genannten close reading denunzieren (auch wenn ich mir hier einige einigermaßen an den Haaren herbeigezogene Conjecturen erlaube). Ich glaube, im Gegenteil, diese Arten des Textumgangs sind für eine umfassende und tiefgreifende Rezeption literarischer Texten wichtig – im selben Sinn, wie eine musiktheoretische Analyse für die Rezeption einer musikalischen Komposition. Was ich allerdings zeigen will, ist, dass die hier angedeutete Komplexität in vielleicht jedem noch so banalen literarischen Text zu finden ist. Sie liegt, wie ich sagen möchte, in der Natur der Sprache oder mindestens in der Natur ästhetischer Wahrnehmung von Sprache. Zudem will ich auch zeigen, dass strukturale Komplexität, eben da sie auch in banalen sprachlichen Äusserungen aufzufinden ist, keinen Schluss auf den ästhetischen Wert eines Textes erlaubt. Dass solche Schlüsse allerdings gezogen werden und eine bestimmte Art von Komplexität mit ästhetischem Wert verwechselt wird, kann man so manchen Exegesen in den erwähnten Traditionen anmerken. Ich selbst bin durch Lektüre von Roman Jakobsons Interpretation eines, meiner Ansicht nach, keineswegs bemerkenswerten Gedichtes von Paul Klee [6] (in der dieses Gedicht als ästhetisch höchstwertig suggeriert wird) zu meinen skeptischen Gedanken hinsichtlich des Zusammenhangs von Komplexität im Sinne jener Traditionen und ästhetischem Wert gelangt. Die dabei unterlaufende Verwechslung ist allerdings nur die spiegelverkehrte Variante der noch häufigeren und wohl auch übleren (weil kunstfremden) Verwechslung des jeweiligen Themas eines Textes mit dessen ästhetischen Wert.

3. Politische Literatur

Zwei geläufige Definitionen des Wortes Politik: Nach der einen bezeichnet es Angelegenheiten, die die Einrichtung und Steuerung von Staat und Gesellschaft im Ganzen betreffen. Die Politik umfasst dabei alle Aufgaben, Fragen und Probleme, die den Aufbau, den Erhalt sowie die Veränderung und Weiterentwicklung öffentlicher und gesellschaftlicher Ordnung anbelangen.
Nach der zweiten Definition bezeichnet Politik jegliche Art öffentlicher Einflussnahme und Gestaltung sowie die Durchsetzung von Forderungen und Zielen, sei es in privaten oder öffentlichen Bereichen.
Es sind Komponenten der zweite Definition, die manchmal mit der beim Umgang mit Literatur in Anspruch genommenen Annahme verbunden sind, dass Literatur Politik ist, weil sie auch Einfluss auf öffentliche Bereiche ausübt. Diese Annahme beruht ihrerseits oft auf der fundamentaleren, dass eine Gesellschaft die Summe der Wechselwirkungen ihrer einzelnen Bereiche ist. Sofern man aber annimmt, unsere heutige Gesellschaft sei eine sehr komplexe Ordnung einer grossen Zahl in sich selbst komplexer Bereiche, besagt die undifferenzierte Annahme eines Einflusses von Literatur auf Politik wohl nur ungefähr soviel wie die des Einflusses des sprichwörtlichen Schmetterlingsflügelschlags in Übersee auf ein Unwetter in Mitteleuropa. – Diesen Einfluss gibt es vielleicht, aber es fällt schwer, damit irgendetwas Fassliches zu verbinden, und vor allem wäre es dann sinnlos, diesen Einfluss, der ohnehin geschieht, auch noch zu fordern. Dennoch ist die undifferenzierte Forderung poetischen Einflusses auf die Politik durchaus verbreitet und äussert sich nicht selten in dem nahezu erkenntnisfreien Gedanken, dass alle Literatur politisch sein soll. – In analog unverbindlichem Sinn könnte man aber auch behaupten, alle Literatur soll Kommunikation, sozial, moralisch, mental und psychologisch, historisch, philosophisch usw. sein. Da freilich möchte man, frei nach Karl Valentin, hinzufügen: Weil die Literatur ohnehin alles andere auch ist, soll sie auch alles andere sein.
Um die Forderung des Einflusses von Literatur auf Politik für sinnvoll halten zu können, wären deshalb Einflussbedingungen und die Art des Einflusses zumindest anzudeuten. Eine hier naheliegende (und vielleicht auch oft stillschweigend mitgedachte) allgemeine Einflussbedingung ist die Möglichkeit, durch Literatur Einsichten in ansonsten verborgene Zusammenhänge zu gewinnen: etwa in unsere mentale Verfasstheit (Selbsterkenntnis) oder sprachliche, ästhetische, soziale und eben auch in verborgene politische Zusammenhänge. Auf diesen Einsichten beruhte dann die Art des politischen Einflusses, und er könnte darin bestehen, die gesellschaftliche Realität in bestimmten, als förderlich angesehenen Hinsichten zu verändern: Zum einen könnten dann durch Literatur Ideologien verändert werden, wobei Ideologie hier naheliegenderweise vor allem wertend, als Mittel der Verschleierung von Macht- und ökonomischen Interessensverhältnissen und also als Überbau verstanden sei. Und zum anderen könnte Literatur – und dies oft vermittelt durch die Veränderung von Ideologien – auch die politische Praxis, das politische Handeln verändern, zum Beispiel das Beschliessen oder Nichtbeschliessen bestimmter Gesetze bewirken.

3.1. Ästhetischer Wert und nackte Wahrheit

Einmal angenommen, durch Literatur können Einsichten in ansonsten Verborgenes, und im Besonderen könne Politisches, etwa verborgene Aspekte von Ideologien entschleiert werden. – Wie muss eine Literatur, wie müssen Texte beschaffen sein, dass sie das leisten können?
Diese Frage führt zu mich zur Analyse des Texts der österreichischen Bundeshymne zurück: Diese Analyse kann textimmanenten Beziehungsreichtum und Komplexität entdecken, erfasst jedoch das Ideologische und Politische nicht, obwohl es doch gleichsam mit den Händen zu greifen ist. Offenbar sind bestimmte Aspekte des Gehalts der Bundeshymne für jene Analyse verborgen und entziehen sich ihr. Warum sind sie dann aber dennoch gleichsam mit Händen zu greifen? Wie zeigt sich das Ideologische bzw. Politische im Text? Und wie lässt sich das, was sich da zeigt, begrifflich bestimmen?
Um eine Antwort anzudeuten, greife ich auf eine, wie ich meine, hier nützliche Unterscheidung Nelson Goodmans aus seinem Band Sprachen der Kunst zurück. Goodman unterscheidet dort buchstäbliche von metaphorischer Exemplifikation: Ein teures Gemälde kann beispielsweise den Reichtum oder das Geltungsbedürfnis seines Besitzers metaphorisch exemplifizieren – metaphorisch und nicht buchstäblich ist diese Exemplifikation deshalb, weil einem Gemälde die Eigenschaften des pekuniären Reichtums, des Geltungsbedürfnisses usw. ja nicht im wörtlichen Sinn der entsprechenden Prädikate zugeschrieben werden können.
Ausdruck ist nun nach Goodman ein Spezialfall metaphorischer Exemplifikation, der ästhetische Wahrnehmung zur Voraussetzung hat. Das Gemälde drückt demnach Eigenschaften, die es metaphorisch exemplifiziert, dann nicht auch aus, wenn sie nicht Gegenstand ästhetischer Wahrnehmung sind. So würde ein Gemälde, das den Reichtum und das Geltungsbedürfnis seines Besitzers metaphorisch exemplifiziert, Reichtum und Geltungsbedürfnis dennoch nicht ausdrücken, wenn diese Eigenschaften nicht plausibel als Aspekt ästhetischer Wahrnehmung des Gemäldes gelten können. Dasselbe Gemälde könnte jedoch Armut und Demut metaphorisch exemplifizieren und ausdrücken – etwa dann, wenn es eine Darstellung des armen und demütigen Heiligen Franziskus ist.
Die Analyse des Texts der österreichischen Bundeshymne enthält nun einiges, das vielleicht als metaphorische Exemplifikation und Ausdruck im Sinne Goodmans gelten kann: So lassen sich die Dome als Ausdruck von Religion bzw. Katholizität beschreiben, ebenso die Äcker als Ausdruck bäuerlichen Fleisses. Vielleicht sind in dem Bundeshymnentext auch Dinge wie patriotischer Stolz, Bauerntum und Religion (Katholizität), Kollektivismus, agrarische Bodenständigkeit, bäuerlicher Fleiss, Ständestaatlichkeit, heile Staatsordnung im Goodmanschen Sinn des Wortes ausgedrückt. Das wären Dinge, die man auch als politische Ideologeme, als Teile politischer Ideologien verstehen kann. Was nun fehlte dann dem Text, um zu ihrer Entschleierung beizutragen, so dass durch den Text der geforderte günstige politische Einfluss ausgeübt werden könnte?
Ich meine, was fehlt, ist der Ausdruck des Werts der genannten Ideologeme. Mit anderen Worten: Auch die Bewertung dieser Ideologeme müsste im Goodmanschen Sinn des Wortes ausgedrückt und deshalb Teil der Bedeutung oder der Wirkung des Texts bei seiner ästhetischen Wahrnehmung selbst sein. Erst dann könnte der Text im erläuterten Sinn etwas entschleiern, eine verborgene Wahrheit offenkundig machen und damit eine Bedingung dafür erfüllen, dass durch den Text der geforderte politische Einfluss ausgeübt werden kann. Es scheint mir bemerkenswert und folgenreich (und es mag auch fragwürdig sein), dass Werte hier als etwas zumindest gesellschaftsrelativ Objektives vorausgesetzt sind. Gemeint ist hier nämlich der wahre, der gesellschaftlich reale Wert. Ansonsten könnte ja in diesem Kontext nicht sinnvoll von Entschleierung die Rede sein.
Warum aber wäre dann gegen ein Gemälde, das Armut und Demut des Heiligen Franziskus ausdrückt, nicht auch einzuwenden, dass es den Reichtum und das Geltungsbedürfnis seines Besitzers lediglich metaphorisch exemplifiziert, jedoch den Wert dieser Eigenschaften nicht auch ausdrückt? Wohl deshalb nicht, weil das Gemälde Reichtum und Geltungsbedürfnis gar nicht ausdrückt. Erst wenn das Gemälde etwas hinsichtlich der pekuniären Verhältnisse seines Besitzers ausdrückte, könnte man auch den Ausdruck des Werts von pekuniärem Reichtum und Geltungsbedürfnis verlangen. (Allerdings enthält dies eine bestimmte Vereinfachung: Denn man könnte ja – mit Brecht – bestimmten Texten vorwerfen, dass sie, indem sie bestimmte Dinge bewertend ausdrücken, zum Beispiel natürliche Dinge wie Bäume, in gleichsam verbrecherischer Weise andere Dinge gerade nicht bewertend ausdrücken und damit gerade zu deren Verschleierung beitragen.)
Ein Ergebnis dieser Erwägungen scheint mir nun zu sein, dass der Text der Bundeshymne auch deshalb ästhetisch vergleichsweise niedrig zu bewerten ist, weil er, obwohl er Ideologeme ausdrückt, nichts zu ihrer Entschleierung beiträgt – also ihren Wert nicht auf gehörige, das heisst wahrheits- oder wirklichkeitsgemässe Weise ausdrückt.

3.2. Ästhetischer Wert und strukturalistische Analyse

Ich habe oben behauptet, Komplexität im Sinne des Strukturalismus erlaube keinen Schluss auf den ästhetischen Wert eines Textes, dass jedoch solche Schlüsse manchmal gezogen werden und die bei der Analyse entdeckte Komplexität leicht mit dem ästhetischen Wert des Texts verwechselt werde. Diese Verwechslung lässt sich nun dadurch begründen, dass jene strukturalistische Analyse die Relation des Textes zu Werten nicht darzustellen vermag und sie deshalb am falschen Ort zu sucht.
Warum aber ist die Relation zu Werten kein Gegenstand strukturalistischer Analysen? Vielleicht weil diese auf der stillschweigenden Voraussetzung beruhen, dass Werte, ob nun ausgedrückt oder verschleiert, keine Eigenschaften von Texten sind: Dass etwa der Begriff Dom in mancherlei Beziehung in Opposition zu dem des Stroms steht, und auch dass durch den Begriff Dom Religiöses ausgedrückt sei, lässt sich mit einem wertfreien und insofern deskriptiven Sinn- und Textbegriff darlegen – nicht aber, dass das Religiöse oder das Ständestaatliche, so wie sie sich im Text zeigen, Ideologeme sind, die bestimmte gesellschaftliche Realitäten verschleiern. Um das zu erfassen, sind Erfahrungen und Erkenntnisse und wohl auch etwas wie Wert- bzw. Wahrheitssinn notwendig, etwas also, das über das an Texten im strukturalistischen Sinn Feststellbare hinausreicht.
Vielleicht fühle ich mich auch deshalb dazu veranlasst, in meiner strukturalistischen Analyse ihren Mangel oder ihre Beschränkung und also auch ihren Wert auszudrücken – mit anderen Worten: in jener strukturalistischen Analyse strukturalistische Analysen auch zu parodieren.

4. Epilog.

Jetzt sehe ich mich, vielleicht durch ein erleuchtetes Fenster, irgendwo und irgendwann, mitten in diesem unabsehbaren und also dunklen Geschehen, das wir Wirklichkeit nennen, über diesen Text gebeugt und stelle mir vor, er könne politischen Einfluss ausüben, indem er etwas entschleiert. Und da vermeine ich zu bemerken, wie naiv diese Vorstellung ist. Aber natürlich, die Dunkelheit der Wirklichkeit ist ansteckend: Auch naiv ist nur ein dunkles Wort in dem dunklen Geschehen – zumindest im zweifelhaften Licht dieses Textes.

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[1] Dies ist nicht der ursprünglich von Paula Preradovic in einem Wettbewerb 1946 für die neue Bundeshymne eingereichte Text. Dieser wurde erst nach einigen Änderungen durch einen Beschluss der österreichischen Bundesregierung am 25. Februar 1947 zum Hymnentext.

[2] „Die in der morphologischen und syntaktischen Struktur der Sprache verborgene Quelle der Poesie, kurz die Poesie der Grammatik und ihr literarisches Produkt, die Grammatik der Poesie, sind den Kritikern selten bekannt, wurden von den Linguisten fast gänzlich übersehen und von schöpferischen Schriftstellern meisterhaft gehandhabt.“ Jakobson, Roman/ Birus, Hendrik/ Donat, Sebastian (Hrsg.): Poesie der Grammatik und Grammatik der Poesie. Sämtliche Gedichtanalysen. Kommentierte deutsche Ausgabe. 2 Bde. Walter de Gruyter, Berlin und New York 2007

[3] Wolfram Pichler, Universität Wien, verdanke ich zwei Hinweise, die zeigen, dass es nicht nur unterschiedliche Genitive sind, die in dem Text zur Poesie der Grammatik beitragen: Zum einen weist Pichler darauf hin, dass die Wendung begnadet für grammatikalisch, wenn nicht inkorrekt, so doch eigenwillig ist. Jemand kann für etwas geeignet sein, aber (normaler Sprachgebrauch als Maßstab) nicht für etwas begnadet. Auch diesem Textmerkmal, in dem vielleicht, einem bekannten Topos gemäss, ein enger Zusammenhang von Schönheit und Abweichung grammatikalisch exemplifiziert wird, wäre in einer ausführlicheren Version nachzugehen. Pichler hat mich zudem darauf aufmerksam gemacht, dass der Vers Heimat bist du grosser Söhne syntaktisch auch als Frage gelesen werden kann. Das ist umso bemerkenswerter, als metrisch Heimat du bist grosser Söhne ebensogut möglich wäre. Abgesehen davon, dass mit der syntaktischen Form Heimat, bist du grosser Söhne etwas von einem begeisterten Ausruf zu hören ist, mag auch hier eine durch Grammatik vermittelte Ambivalenz realisiert sein: Als ob es auch fraglich wäre, dass die Söhne tatsächlich gross sind. In einer ausführlicheren Analyse wäre die semantische und poetische Funktion der Grammatik dieses Verses zu untersuchen, und dies wohl im Zusammenhang der Unter- und Gegenströme, die ich im Abschnitt Mikrostruktur andeute.

[4] Für alle erwähnten Begriffe (Berg, Strom, Acker, Dom, Hammer) gilt: Sie sind exemplarisch und repräsentativ. Das liegt an ihrer begrenzten Zahl ebenso wie an der Auswahl. Beides trägt dazu bei, dass sie für abstrakte singuläre Termini stehen: Berg und Strom für das Naturschöne, Acker und Hammer etwa für Fleiss, Dom für Frömmigkeit oder Religiosität usw.

[5] Dass die Töchter nicht erwähnt werden, mag auch jenem Einfluss Mallarméscher Poetik zu verdanken sein und macht ihre Gegenwart umso greifbarer. Insofern schwächt die jüngst erfolgte explizite Nennung der Töchter im Text paradoxerweise deren Präsenz.

[6] Roman Jakobson: Hölderlin, Klee, Brecht. Zur Wortkunst dreier Gedichte, Suhrkamp 1976.