BEITRAG 7: Urs Allemann

KSUNG

Ein politisches Gedicht wird gemacht
(Eine – unausgeführte – Selbstparodie)

Der in Klammern gesetzte, nachträglich hinzugefügte zweite Untertitel dieses TIMBER-Beitrags deutet an, dass der Beitrag total missglückt ist. Nützlich ist er allenfalls insofern, als er alle Quellen und Materialien dokumentiert, die in dem Gedicht „ksung“ verarbeitet sind. Das Gedicht selbst, obwohl ich es ursprünglich nur geschrieben habe, um einen Gegenstand für meinen Beitrag zu haben, halte ich nicht unbedingt für missglückt. Aber alles, was ich über das Verfertigen des Gedichts in dem Beitrag schreibe, ist Unfug. Es ist zum Beispiel mein gutes Recht, in einem Gedicht das Wort „nuunuzu“ zu benutzen. Ich kann auch, um Auskunft darüber zu geben, wie ich zu dem Wort gekommen bin, mitteilen, dass ich es durch Ver-U-ung des Worts „Neonazi“ gewonnen habe. Aber dann zu behaupten, ich würde das Wort „nuunuzu“ deshalb benutzen, weil es das Wesen des Neonazis adäquater zum Ausdruck bringe als das Wort „Neonazi“, ist so überflüssig wie unwahr: „nuunuzu“ verhält sich zu „Neonazi“ nicht wie die Platonische Idee zur Erscheinung (oder wie das Zwetschgenwasser zur Zwetschge), sondern eher wie der Chaplinsche „Gröfaz“ zu Hitler, also wie eine Karrikatur zum Karrikierten. Ich verwende das Wort im Gedicht weder im Glauben noch in der Absicht, damit so was wie Neonaziwesensschau zu betreiben. – Und auch das gequälte Gefasel über „sprechende Namen“ bringt gar nichts. Ich habe einfach ein Gedicht machen wollen, in dem 1. die Namen „Zschäpe“, „Mundlos“ und „Böhnhardt“ vorkommen, in dem sie dies 2. in verfremdeter Form tun (als „zschup“, „mndls“ und „buunhurt“) und in dem 3. die Möglichkeit genutzt wird, „mdndls“ und „buunhurt“ auch als Verweise auf die Adjektive „mundlos“ und „beinhart“ zu lesen.

Misslungen ist der Beitrag aber vor allem auch, was die Beschreibung der Entstehung des Gedichts angeht. Das Auflösen der „Verfertigung“ des Gedichts in eine Abfolge säuberlich getrennt getroffener technischer Entscheidungen, die beim ersten Wort anfangen und beim letzten Wort enden, eine Kette von „ich beschliesse… ich beschliesse… ich beschliesse…“, bei gleichzeitigem Aussparen (Verschweigen) aller Assoziationen, Gedanken, Phantasien, Hoffnungen, Befürchtungen, Affekte, Selbstverstrickungen während des Produktionsvorgangs, macht aus dem Dichten eine läppische Bastelei nach Gebrauchsanweisung und aus dieser, der Gebrauchsanweisung, eine Selbstparodie von Poetologie. Als ausgeführte hätte eine solche durchaus ein Existenzrecht; der unausgeführten gegenüber hat der  Daumen keine Wahl und zeigt senkrecht nach unten.

*

Ich habe ein politisches Gedicht gemacht. In der Absicht, anschliessend über das Verfertigen dieses Gedichts einen Beitrag für „TIMBER! Eine kollektive Poetologie“ zu verfertigen, den ich – zusammen mit dem Gedicht – auf der TIMBER-Diskussion im Berliner Literaturhaus am 8./9. Dezember 2011 zur Diskussion stellen möchte. Das Gedicht ist fertig. Ist es ein politisches Gedicht, wie der erste Satz des Beitrags, den ich gerade zu verfertigen begonnen habe, behauptet? Ich weiss es nicht. Ich hoffe es. Jedenfalls ist es ein Lautgedicht. Ein zum Lautgedicht umgemodeltes Substitutionsgedicht:

ksung

u duss dr nuunuzu suun ururuun wur.
n zschup strmulurm unm buunhurt butulluun.
suuzud n ksunuzud, huturukull n utukull
murschuurtn ussuun mndls ruun vur.

n kumrudknuch udrn strmubtuulngsmunnschurb,
m kumpf rschussnus n nch huutuutschlund n murggunzwult schwur.
schun n kruuzhuktrumm, n hutlrfuunzschup
wur zluttl buunhurt n fluttrt zluttl mndls.

Der erste Einfall zu diesem Gedicht ist mir bei der Lektüre des Artikels „Das braune Netz“ im Zürcher „Tages-Anzeiger“ vom 23. November 2011 gekommen.  Der Artikel war bebildert mit (ich zitiere die Legende der Zeitung) „Fahndungsbilder(n) der rechtsextremen Terroristen: Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Die beiden Männer haben sich umgebracht.“ Mein Einfall war, schlicht genug, problematisch genug, die „sprechenden“ Namen der drei Neonazis als Material in einem Gedicht zu verwenden. Dabei „sprechen“ die drei Namen ganz unterschiedlich deutlich. Dass ausgerechnet ein Neonazi „Mundlos“ heisst, hat tatsächlich was Frappierendes. Er könnte gar nicht besser heissen, denkt man unwillkürlich. Natürlich bedeutet, dass er so heisst, nicht wirklich was. Es ist Zufall. Wir wissen: Ein Name bedeutet nie was, sagt nichts über den, der ihn trägt. Trotzdem, dachte ich, könnte man vielleicht das zufällige Zusammenfallen von Name und Bedeutung im Fall von Uwe Mundlos poetisch nutzen, insbesondere da der Name des zweiten Neonazis, Böhnhardt, dazu einlädt, ebenfalls als „sprechender“ Name gelesen bzw. gehört zu werden: dabei erleichtert es uns der Umstand, dass wir schon „mundlos“ hören, vermutlich, auch „beinhart“ zu hören, was etymologisch zweifellos durch nichts gerechtfertigt ist. Aber „mundlos“ und „beinhart“ – nein, sie könnten wirklich nicht besser heissen. Dass der Name „Zschäpe“ demgegenüber nur undeutlich „spricht“, heisst, dass im zu fertigenden Gedicht der Kontext ihn zu einem „sprechenden“ erst wird befördern müssen.

Der zweite Einfall, ebenfalls noch während der Lektüre des „Tages-Anzeiger“-Artikels, hat sich beim Betrachten des Worts „Neonazi“ eingestellt. Vier der fünf deutschen Grundvokale, „a“, „e“, „i“ und „o“, kommen darin vor – wie wäre es, alle vier rauszuschmeissen und durch den fünften, das dumpfe „u“, zu ersetzen? Ist nicht ein als „nuunuzu“  versprachlichter mundloser, beinharter, zschäpiger Neonazi weit mehr Neonazi als ein bloss als Neonazi dahermordender und -marschierender?

„Marschieren“ ist das Stichwort für den dritten Einfall. Bisher weiss ich von dem Gedicht, das ich machen werde, erst, dass  darin das Nomen „nuunuzu“, die Adjektive „mundlos“ und „beinhart“ und ein auf den Namen „Zschäpe“ rückbeziehbares Wort („zschäpig“?; der „zschäp“?) vorkommen sollen. Jetzt habe ich die Idee, um die Figur des „nuunuzu“ und die von den Namen der drei „nuunuzus“ abgeleiteten Wörter herum Altnazi-Sprachmüll anzuhäufen. Im Kopf parat liegen zwei Liedbruchstücke:  „Die Fahne hoch! / Die Reihen fest geschlossen!“ und „Wir werden weiter marschieren / Wenn alles in Scherben fällt“. Ich drucke mir also das Horst-Wessel-  und das Hans-Baumann-Lied aus, um beim Schreiben meines Gedichts ungehinderten Zugang zu diesen Wortmüllhalden zu haben.

Horst-Wessel-Lied

Die Fahne hoch!
Die Reihen fest (dicht/sind) geschlossen!
SA marschiert
Mit ruhig (mutig) festem Schritt
|: Kam’raden, die Rotfront und Reaktion erschossen,
Marschier’n im Geist
In unser’n Reihen mit 😐

Die Straße frei
Den braunen Bataillonen
Die Straße frei
Dem Sturmabteilungsmann!
|: Es schau’n aufs Hakenkreuz voll Hoffnung schon Millionen
Der Tag für (der) Freiheit
Und für Brot bricht an 😐

Zum letzten Mal
Wird Sturmalarm (-appell) geblasen!
Zum Kampfe steh’n
Wir alle schon bereit!
|: Schon (Bald) flattern Hitlerfahnen über allen Straßen (über Barrikaden)
Die Knechtschaft dauert
Nur noch kurze Zeit! 😐

Hans-Baumann-Lied

1. Es zittern die morschen Knochen
Der Welt vor dem roten Krieg,
Wir haben den Schrecken gebrochen,
Für uns war’s ein großer Sieg.

Refrain:
Wir werden weiter marschieren
Wenn alles in Scherben fällt,
Denn heute da hört uns Deutschland
Und morgen die ganze Welt.

2. Und liegt vom Kampfe in Trümmern
Die ganze Welt zuhauf,
Das soll uns den Teufel kümmern,
Wir bauen sie wieder auf.
Refrain:

3. Und mögen die Alten auch schelten,
So laßt sie nur toben und schrei’n,
Und stemmen sich gegen uns Welten,
Wir werden doch Sieger sein.
Refrain:

4. Sie wollen das Lied nicht begreifen,
Sie denken an Knechtschaft und Krieg
Derweil unsre Äcker reifen,
Du Fahne der Freiheit, flieg!

Wir werden weiter marschieren,
Wenn alles in Scherben fällt;
Die Freiheit stand auf in Deutschland
Und morgen gehört ihr die Welt.

An diesem Punkt der Vorbereitung meines Gedichts frage ich mich, ob ich, was das Verfahren der Fertigung angeht, nicht ähnlich vorgehen soll wie bei den – bisher sechs – Gedichten des Zyklus „in sepp normalverraucher tuten die gedichte“, an dem ich im Frühling 2011 zu arbeiten begonnen habe. Das Ausgangskonzept des Zyklus war radikal reduktionistisch: In real existierenden Gedichten (Arbeitsvorlagen) werden alle Nomen durch das Wort „gedicht“, alle Verben durch das Wort „tuten“, alle Personennamen durch den Namen „sepp normalverraucher“ (oder, sofern es weibliche sind, durch den Namen „josefine normalverraucherin“) ersetzt. Ferner werden alle Zeitangaben auf „in der stunde null“, alle Ortsangaben auf „in der kreissnische“ oder „in der verrauchnische“ reduziert. Dazu kommen weitere, flexibler gehandhabte, Zusatzregeln: Jedes Tier wird zur „schnecke“ oder zum „schneck“, Menschen (und Subkategorien von Menschen) werden zu „deppen“ oder „genossen“, jeder Ortseigenname wird zu „reigoldswil“ (dem Wohnort des Autors). – Man merkt sehr rasch: Man kommt so sehr wenig weit. Das Konzept muss erweitert werden – indem zum Beispiel zusätzlich zum Substitutionsnomen „gedicht“ und zum Substitutionsverb „tuten“ auch andere Nomen und Verben aus anderen  real existierenden Texten (nicht unbedingt Gedichten) zugelassen bzw. vorgeschrieben sind; und selbstverständlich muss auch auf andere Wortarten als Nomen und Verben zugegriffen werden. – Als Beispiel sei hier das Gedicht „an den genossen sepp normalverraucher“ angeführt, das Fremdgewebe in den Textkörper von Trakls „An den Knaben Elis“ transplantiert: Die Substantive (sofern nicht „gedicht“) stammen aus einem Abschnitt von Adornos „Ästhetischer Theorie“, die Verben (sofern nicht „tuten“) aus Kafkas Erzählung „Josefine die Sängerin“, an die Stelle der Originaladverbien treten (reale und erfundene) musikalische Vortragsbezeichnungen, die die performative Konsequenz haben, beim mündlichen Vortrag des Gedichts berücksichtigt werden zu wollen.

an den genossen sepp normalverraucher

sepp normalverraucher, wenn die schnecke josefine im black poem tutet,
this is your aesthetics.
deine philosophien singen die rechnung des blue poem-quells.

pfeif, wenn dein gedicht piano das übliche tut
„uralte betriebe“
und „dunkle branche des schneckenflugs“.

du aber knackst mit weichen gedichten nüsse in die philosophie,
die pieno purple poems zischt
und du stampfst die phänomene schöner im dasein.

ein gedichtbusch flucht,
where deine lunar selbstcontemplations beissen.
o, wie al niente bist, sepp normalverraucher, du verwispert.

dein gedicht ist eine reflexion,
in die ein genosse „the waxy sciences“ tratscht.
ein black poem ist unsere wissenschaft,

daraus di quando in quando ein sanfter schneck den hals streckt
und adagio die schweren gedichte behauptet.
„on your aesthetics!“ piepst black poem,

der letzte gegenstand vertuteter kunstwerke.

Von diesem Gedicht, dem einen „politischen“ Charakter zuzuschreiben mir partout nicht gelingen will (auch wenn es sich an den „genossen sepp normalverraucher“ wendet), zurück zum Versuch, ein Gedicht herzustellen,  das sich vielleicht mit grösserer Berechtigung so kennzeichnen liesse. Was benötigt wird, wenn mit ähnlichen Substitutionsregeln wie bei den „sepp“-Texten operiert werden soll, ist vor allem  eine Arbeitsvorlage, ein real existierendes Gedicht, in das das fürs politische Gedicht bereitgelegte Material (der „nuunuzu“, die Adjektive „mundlos“ und „beinhart“, das „zschäpe“-Wort und allerhand Müll aus den beiden Nazi-Liedern) mit der Hoffnung auf poetischen Gewinn einmontiert werden kann.

Bei der Suche nach der geigneten Arbeitsvorlage geht es nicht ohne Testreihen. Mit Fehlversuchen ist dabei zu rechnen. Ein solcher Fehlversuch – an dem Vorlagekandidaten „An den Tod“ (1837) von Friedrich Hebbel  – sei hier dokumentiert. Zuerst das Hebbel-Gedicht:

An den Tod

Halb aus dem  Schlummer erwacht,
Den ich traumlos getrunken
Ach, wie war ich versunken
In die unendliche  Nacht!

Tiefes Verdämmern des Seins,
Denkend Nichts, noch empfindend!
Nichtig mir selber entschwindend,
Schatte mit Schatte zu Eins!

Da beschlich‘s mich so bang,
Ob auch, den Bruder verdrängend,
Geist mir und Sinne verengend,
Listig der Tod mich umschlang.

Schaudernd dacht‘ ich‘s, und fuhr
Auf, und schloss mich an‘s Leben,
Drängte in glüh‘ndem Erheben
Kühn mich an Gott und Natur.

Siehe, da hab‘ ich gelebt:
Was sonst, zu Tropfen zerflossen,
Langsam und karg sich ergossen,
Hat mich auf einmal durchbebt.

Oft noch berühre du mich,
Tod, wenn ich in mir zerrinne,
Bis ich mich wieder gewinne
Durch den Gedanken an dich!

Ein Probedurchlauf, der dem Ich-Sager des Hebbel-Gedichts den „nuunuzu“ unterschiebt , die Substantive durch solche des Horst-Wessel-Lieds (in der Reihenfolge ihres dortigen Auftretens), die Verben durch solche des Hans-Baumann-Lieds (in der Reihenfolge ihres dortigen Auftretens) und die Adjektive und Adverbien durch die (in dieser Reihenfolge abwechselnd  verwendeten) Wörter „zschäpig“, „mundlos“ und „beinhart“ ersetzt sowie punktuell ein paar (läppische) Zusatz“experimente“ einbaut oder als Möglichkeit andeutet, ergibt folgendes Resultat:

zschäpig aus der fahne gezittert
die der nuunuzu mundlos gebrochen
ach wie war der nuunuzu verwest
in den beinharten reihen

zschäpiges mhinternieren der sturmubtuulung
fallend nichts noch hörend
mundlos sich selber (ent)liegend (entlegen)
schritt mit (um) schritt zu 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10 (toten)
((9 x 9 = 81, 9 hoch 9 =  387 420 489))

da bekümmerte es den nuunuzu so beinhart
ob auch den kamrad bebauend
rotfront ihm und reaktion mhinternierend
zschäpig der geist ihn (um)fiel  (um ihn fiel)

hörend schalt(ete) der nuunuzu und liess
auf und tobte sich in die reihen
schrie in stemmendem werden
mundlos sich an strasse und bataillon

mhinternier da ist der nuunuzu gefallen
was sonst zur strasse gehörend (gehört, gehörig)
beinhart und zschäpig gewollt
hat ihn auf einmal begriffen  (durchgriffen)

mundlos noch denk du den nuunuzu
sturmubtuulungsmunn wenn der nuunuzu in sich reift
bis der nuunuzu wieder (auf) sich fliegt
durch das hakenkreuz (den kreuzhaken) an dir (dich)

Ein pauvrer, wenig Anreize zum Weiterdichten bietender Text, den ich drum als Fehlversuch beiseitegelegt habe.

Weitergeholfen bei der Suche nach einem Gedicht, das für die Unterbringung von Nazimaterial in politisch denunziatorischer Absicht geeignet sein könnte, hat mir schliesslich der Topos „brauner Sumpf“. Kenne ich Sumpf-Gedichte? Jedenfalls sind mir, mehr oder weniger gleichzeitig, das Quasi-Sumpf-Synonym „Moor“, die Nominalgruppe „ (nicht braunes, aber)warmes Moor“ und der Vers „ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor“, in dem diese Nominalgruppe vorkommt, eingefallen. Dieser Vers, das wusste ich, stammt aus einem  Gottfried-Benn-Gedicht, das ich fast (aber nicht ganz) auswendig kannte (den Titel und mindestens den „Libellenkopf“ hatte ich vergessen).

Gesänge

I

O dass wir unsere Ururahnen wären.
Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.
Leben und Tod, Befruchten und Gebären
glitte aus unseren stummen Säften vor.

Ein Algenblatt oder ein Dünenhügel,
vom Wind Geformtes und nach unten schwer.
Schon ein Libellenkopf, ein Möwenflügel
wäre zu weit und litte schon zu sehr.

Den zweiten Gesang („Verächtlich sind die Liebenden, die Spötter…“) lasse ich weg, da ich nicht damit gearbeitet habe.

Das ist es doch! Zu diesen Bennschen „Ururahnen“ zieht es den „nuunuzu“ hin – schon aus klanglichen Gründen. Und die – spätere, zwischenzeitliche – ideologische Nähe Benns zu den marschierenden braunen Schleimklumpen sorgt dafür, dass ich kaum ein allzu schlechtes Gewissen wegen Missbrauchs des Benn-Gedichts werde haben müssen.

Ran an den ersten Vers! Der „nuunuzu“ tritt an die Stelle des „wir“ (wie im Hebbel-Fehlversuch an die Stelle des „ich“), dann steht er auch nah bei „Urur“:

„o dass der nuunuzu sein ururahn wär.“

In diesem Vers wirkt aber ein Drive, der auch den „ururahn“ ganz ver-U-t haben möchte:

„o dass der nuunuzu sein ururuhn wär.“

Der Drive rührt vermutlich daher, dass der „Ururahn“ als vertrautes deutsches Wort seine feste Betonung auf der ersten Silbe hat: UR-ur-ahn, während der Neologismus „ururuhn“ es uns freistellt, ihn auf der ersten (UR-ur-uhn oder U-ru-ruhn), zweiten (ur-UR-uhn oder u-RU-ruhn) oder dritten Silbe (ur-ur-UHN oder u-ru-RUHN) zu betonen. Der daktylische Vers, der bei der Betonung auf der dritten Silbe (Version u-ru-RUHN) entsteht: „O dass der NUUnuzu SEIN uruRUHN wär“, hat entschieden mehr „Durchschlagskraft“ (Power) als die Verse „O dass der NUUnuzu sein UR-ur-ahn“ oder „O dass der NUUnuzu sein UR-ur-uhn wär“. Warum ist „UR-ur-uhn“ ohnehin eine ganz missglückte Bildung? Weil sie das Wort „Ururahn“ nur HALB desemantisiert: Der „Ahn“ ist weg, aber das doppelte „Ur“ bleibt – und damit bleibt eben letztlich auch der „Ahn“: Wer „Ur-ur-uhn“ hört, wird immer noch „Ur-ur-ahn“ VERSTEHEN, da der (unbekannte) „Uhn“ durch den (bekannten) „Ahn“ sozusagen von vornherein daran gehindert wird, in die Existenz zu treten (für die Vorstellung zu enstehen).  Im „u-ru-RUHN“ dagegen begegnet uns tatsächlich ein neues, unbekanntes Wesen, eine Scheusslichkeit vermutlich, nach der wir uns mit der schaudernden Frage: „Was ist das, ein Ururuhn?“ erkundigen können.

Der Drive zur Ver-U-ung drängt aber über die Ver-U-ung des Ururahns zum Ururuhn hinaus zur Ver-U-ung des ganzen Verses, schliesslich des ganzen Gedichts und damit zur Verwandlung des ursprünglich geplanten Substitutionsgedichts in ein Lautgedicht.

„u duss dur nuunuzu suun ururuhn wur.“

Es ist sofort plausibel, dass die Ver-U-ung des Verses zu einer – dem braunen Sumpf nicht unangemessenen – Entdifferenzierung und Verdumpfung  des Sprechens führt. Auch dem von Benn ins Auge gefassten Urschleim im Urmoor scheint mir ein monovokalischer U-Text näher zu kommen als ein vokalisch voll ausdifferenzierter. Der wäre sozusagen „schon zu weit“. Im übrigen muss die Ver-U-ung nicht zwangsläufig Desemantisierung zur Folge haben (wie im Fall „ururuhn“), sie kann auch in auf graphemischer Entdifferenzierung beruhender Resemantisierung resultieren. Ein mit dem Satz „u duss dur nuunuzu suun ururuhn wur“ konfrontierter Leser wird sich, wenn er die Sinnmaschine anwirft, wahrscheinlich Teile des Satzes ins Standarddeutsch rückübersetzen, andere Teile unübersetzt stehen lassen und wieder andere Teile in einen vom der Ver-U-ung zugrunde liegenden deutschen Text abweichenden neuen deutschen Text übersetzen. „u duss dur“ wird wohl ohne Mühe als „o dass der“ gelesen, „nuunuzu“ und „ururuhn“ bleiben vielleicht als die opaken Fratzen stehen, die sie sind, „suun“ aber könnte, statt als „sein“ auch als „so ein“, „wur“ statt als „wär“ auch als „war“ gelesen werden. Den Satz „u duss dur nuunuzu suun ururuhn wur“ beim Lesen oder Hören als „o dass der nuunuzu so ein ururuhn war“ zu verstehen, ist jedenfalls neben den beiden Möglichkeiten, ihn entweder ganz asemantisch als eine Art „braunes  Grunzen“ oder als Ver-U-ung des höchst problematischen Kunstsatzes „o dass der neonazi sein ururahn wäre“ zu verstehen, eine nicht weniger valable dritte Möglichkeit.

Vers 2. „Ein Klümpchen Schleim in einem warmen Moor.“ Warum soll das auf Ver-U-ung beruhende Lautgedicht nicht gleichzeitig Substitutionsgedicht sein können? Ich greife auf den Plan zurück, Wörter aus den Nazi-Liedern in meine Vorlage zu importieren. In Vers 2 am besten Wörter, die Gegenstände bezeichnen, die der „nuunuzu“ (bzw. der „ururuhn“) sein bzw. wovon er ein Teil sein könnte (so wie der „Ururahn“ als „Schleim“ Teil eines „Moors“ ist):  „Schleim“ wird durch „Sturmalarm“ aus der dritten und „Moor“ durch „Bataillon“ aus der zweiten Strophe des Horst-Wessel-Lieds ersetzet. Die Ver-U-ung würde daraus „sturmulurm“ und „butullun“ machen. „butulluun“ ist o.k., am „sturmulurm“ missfällt mir der unbearbeitet, 1:1 übernommene „sturm“. Ich erweitere die Regel „Alle Vokale der Vorlage werden zu «u»“ durch den Zusatz „Mit Ausnahme der «u» der Vorlage: Die fallen weg.“ Also nicht „sturmulurm“, sondern „strmulurm“. (Möglich, dass ich bei diesem Versuch, Monovokalismus und Vokallosigkeit zu kombinieren, Jandl im Hinterkopf hatte und sozusagen „ottos mops“ oder „mal franz mal anna“ mit „schtzngrmm“ engführen wollte.) Erst später wird mir auffallen, dass ich diese Zusatzregel durch den „ururuhn“ im ersten Vers bereits verletzt habe; der Versuch, sie durch Zusammenstauchen des „ururuhns“ zum  „r-r-uhn“ nachträglich doch noch durchzusetzen, überzeugt mich nicht wirklich. Also lass ich die Regelverletzung stehn.

Dass in der Vorlage dem – jetzt durch „butulluun“ ersetzten – Nomen „Moor“ das Adjektiv „warm“ beigesellt ist, eröffnet mir die Chance, an dessen Stelle das erste meiner „sprechenden“ Namensadjektive unterzubringen, „beinhart“ bzw. „buunhurt“:

„un (klümpchen) strmulurm un unum buunhurtun butulluun.“

Die triviale Alliteration „buunhurtun butulluun“ stört mich in DIESEM  – als dumpf konzipierten – Sprechzusammenhang nicht; sie lässt sich sogar als auf die „braunen Bataillone“ des Horst-Wessel-Lieds rückverweisendes AlliterationsZITAT rechtfertigen. „buunhurt“ hat im übrigen den Vorzug, das den Namen „Böhnhardt“ allzu eindeutig zum Sprechen bringende Adjektiv „beinhart“ wieder zu veruneindeutigen: So wie nicht der Mensch vom Aff, sondern beide, Aff und Mensch, von einem gemeinsamen Ururahn, dem Ururenkel jenes Schleimklümpchens, abstammen, so stammt „beinhart“ nicht von „Böhnhardt“, sondern beide, „beinhart“ und „Böhnhardt“, stammen von „buunhurt“ ab. Oder, pardon, umgekehrt: „buunhurt“ von „beinhart“ und „Böhnhardt“.

Bleibt die Mengen- oder Aggregatszustandsangabe „Klümpchen“ (die schon im Original ein wenig merkwürdig ist: statt eines „Klümpchens“ würden wir  eher ein „Pfützchen“ oder „Tröpfchen“ Schleim erwarten): Hier kann ich das der Semantisierung harrende Zschäpe-Wort ins Spiel bringen: ein „Zschäp“  („zschup“) – Diminutiv: „Zschäpchen“ („zschupchun“) – ist offenbar eine Masseinheit, mit deren Hilfe man „strmulurm“-Mengen oder -aggregatszustände bestimmen kann:

„un zschupchun strmulurm un unum buunhurtun butulluun.“

Vers 3. „Leben und Tod, Befruchten und Gebären“. Auf diese Zeile reagiere ich zwar wiederum substitutionspoetisch, aber diesmal nicht mit einem Rückgriff aufs Horst-Wessel- oder Hans-Baumann-Lied. Vielmehr sehe ich mich zu einer Art Autor-Statement  dazu veranlasst, wozu das von den Bennschen Begriffspaaren Bezeichnete im „nuunuzu“-Umkreis schrumpft: Der „nuunuzu“ bringt kein Leben hervor, er beseitigt es nur; die Differenz Leben-Tod schrumpft bei ihm zur Differenz Selbsttötung-Fremd(en)tötung zusammen. Ich setze daher  für „Leben und Tod“ „suuzud nd xunuzud“ („Suizid und Xenozid“), für „Befruchten und Gebären“ „huturukull nd uutukull“ („Heterokill und Autokill“) an. „Heterokill“ und „Autokill“ sind Wörter, die ich im Standarddeutschen“ weder umgangssprachlich noch schriftlich gebrauchen würde: Ich bilde sie nicht, um sie zu verwenden, sondern um sie ver-U-en zu können. Bei „Xenozid“ liegt der Fall etwas anders: Das Wort scheint zwar – obwohl analog zu „Xenophobie“ und „Genozid“ korrekt gebildet – unüblich zu sein (der Fremdwörter-Duden führt es nicht an), wäre aber zur Bezeichnung etwa der Taten von Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos bestens geeignet.

Vers 4. „glitten aus unseren stummen säften vor“. Das Bewegungsverb „gleiten“ wird durch das dominierende Bewegungsverb beider NS-Lieder „marschieren“ , das Nomen „Säfte“ durch die „Reihen“ des Horst-Wessel-Lieds ersetzt. Dass das sprechende Namensadjektiv „mundlos“ ausgerechnet als Ablösung des Adjektivs „stumm“ in den Text einrücken kann, ist ein überaus glücklicher Zufall. Unver-U-t würden die Verse 3 und 4 im Zusammenhang also lauten:

„suizid und xenozid, heterokill und autokill
marschierten aus seinen (des nuunuzu, ururuhn) mundlosen reihen vor.“

Roh ver-U-t gibt das:

„suuzud nd xunuzud, huturukull nd uutukull
murschuurtun uus suunun mndlusun ruuhun vur.“

Da gemäss Zusatzregel Original-U‘s verschwinden, wird aus „mundlos“ „mndlus“. Noch passender, weil mundloser, als „mndlus“ kommt mir aber „mndls“ vor. Und im Zug dieser ganz aus der Sache begründeten U-Reduktion entscheide ich mich dann auch zu einer weitergehenden Limitierung der U‘s aus prosodischen Gründen: Nicht nur Original-U‘s, auch andere Original-Vokale können, statt ver-U-t zu werden, verschwinden, wenn es „unwichtige“, unbetonte Vokale sind („murschuurtn“ statt „murschuurtun“, „ruuhn“ statt „ruuhun“; Vers 1: „dr“ statt „dur“; Vers 2: „n“ statt „un“); es sind Kontraktionen statthaft („ussuun“ statt „uus suunun“; Vers 2: „unm“ statt „un unum“). Ferner beschliesse ich, dass die durch den Wegfall des U von „und“ entstandene Schwundstufe „nd“ das Schluss-D auch noch abwirft und sich zu „n“ verschlankt.

So überarbeitet präsentiert sich die erste Strophe des Gedicht jetzt wie folgt:

u duss dr nuunuzu suun ururuhn wur.
n zschupchn strmulurm unm buunhurtn butulluun.
suuzud n xunuzud, huturukull n uutukull
murschuurtn ussuun mndlsn ruuhn vur.

Von dieser Fassung weicht die am Anfang dieses Beitrags vorgestellte endgültige Fassung noch in folgenden Punkten ab.

1. Die drei aus den sprechenden Namen der Zwickauer Nuunuzus hervorgegangenen Wörter sind kursiv gesetzt, um ihren Sonderstatus und ihre Zusammengehörigkeit hervorzuheben und Gegensteuer zu geben, falls der Bezug dieser Wörter auf jene Namen durch die Ver-U-ung („zschup“, „buunhurt“) bzw. Ent-U-ung („mndls“) womöglich unter die Wahrnehmungsschwelle abgesunken sein sollte. Ich entschliesse mich auch, die drei Wörter immer unflektiert zu verwenden, also in der ersten Strophe „unm buunhurt butullun“ (statt „unm buunhurtn butullun“) und „ussuun mndls ruun“ (statt „ussuun mndlsn ruuhn).

2. Die zunächst aus der Standardsprache übernommenen Dehnungs-H‘s („ururuhn“, „ruuhn“) sind gestrichen und, wo erforderlich, durch lautgedichtadäquatere U-Verdopplung ersetzt („ururuun“).

3. An die Stelle der „niedlichen“, dem Vorwurf der Xenozid-Verharmlosung sich aussetzenden Diminutivform „zschupchen“, die sich dem Nachbilden des Originaldiminutivs „Klümpchen“ verdankt hatte, tritt der (bein)harte „zschup“, in dem, wer will, auch was von „Schub“ mitklingen hören kann.

Es reicht. Statt nun auch noch die Verfertigung der zweiten Strophe von „ksung“ Vers für Vers nachzuverfolgen, beschränke ich mich darauf, zum Schluss den unver-U-ten „Zwischentext“ (Vorstufentext) mitzuteilen, den man als dieser zweiten Strophe zugrunde liegend ansetzen könnte:

„ein kamradknochen oder ein(e) sturmabteilungsmannscherb(e),
im kampf erschossnes und nach heutedeutschlandundmorgenganzewelt             schwer.
schon ein kreuzhakentrümmer, ein hitlerfahnenzschäp
wär zu little beinhart und flatterte zu little mundlos.“

Das ist weder ein poetischer noch ein politischer Text, sondern eine Lesehilfe. Für „ksung“. Und „ksung“? Ein poetischer Text? Ein politischer Text? Beides? Keins von beidem?

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