BEITRAG 8: Uljana Wolf

LIEBER ULF,

mein Timber-Essay hat verschiedene Formen. Eine davon ist dieser Satz: Objects shift during flight. Delta Airlines, 29. November 2011, auf dem Rückweg von der Buchmesse in Mexiko nach New York.

Eine andere Form ist ein Link zu BlueServo. Das ist eine private Überwachungsfirma, die mit den Sheriffs an der texanischen Grenze zusammenarbeitet. Dank BlueServo kann sich Dichter oder Denker überall auf der Welt live in 23 verschiedene Kameras an der texanisch-mexikanischen Grenze einloggen und illegale Übertritte melden.

Hier ist der Link

http://www.blueservo.net/vcw.php

Dieser Link wäre zu bedenken, wenn man z.B. von draußen und drinnen spricht, oder dichten, z.B. Grenzen.

Eine weitere Form ist die Übersetzung des berühmten Timbersatzes von Paul Valéry, der mir hier nur auf Englisch vorliegt:

When the poets enter the forest of language, it is with the express purpose of getting lost.

Ich würde den Satz folgendermaßen übersetzen:

When I enter form, I’m fucked. I’m Mexican. I’m an Alien. I morph and I’m orphaned. I’m all over the place. I’m also writing a silly essay. I’m afraid it has occupied my poem. Now what?

Schließlich gibt es noch die Form des Essays. Der Essay ist irgendwie unfertig, das ist seine Form, sonst hieße es wahrscheinlich Farm. Vielleicht könnte man auch von einem Guessay sprechen. Der Arbeitstitel ist Occupy als Poetiklieferant. Ein Teil davon wurde in der Meinungsabteilung vom Börsenblatt abgedruckt, was mir auch komisch vorkommt. Er beginnt hier.

Besetzen kommt vor Besitzen. Nach A-Sagen und Bank, vor Scham und Schlaf. Jedenfalls wenn es nach dem Alphabet geht, das unsere Bahnen lenkt und dabei jenen Ordnungen ähnlich ist, die so tun, als wären sie nicht leicht aus den Angeln zu heben. Wie Bailouts für Banken, Kapitalismus oder Wachstum. Man könnte es fast glauben, wenn man sich zu lange mit der Forderung beschäftigt, die Aktivisten in New York und anderswo sollen endlich ihre Forderungen stellen. Heißt das doch, auf die Besetzung habe ein diskursiver Besitz zu folgen, den man für kleine Freiräume wieder eintauscht. Und heißt auch: Der Mund, den man grad aufgemacht, gehört sich besser zu, man sollte rasch sein B aufsagen – wobei man gewöhnlich die Lippen schließt. Mit B’s kennen sich Systeme aus. Banken, Behörden und Bewerber um das Präsidentenamt warten nur darauf, sie sich einverleiben zu können. Um die Protestanten zu beruhigen, würde man ein paar Bögen sanfter biegen. Die profitable Ordnung mit dem Doppelbauch, an die man sich gewöhnt hat, bliebe aber bestehn.

Dagegen das A, mit seinen trotzigen Beinen, wollte schon immer etwas weniger dazugehören. Aleph, ein entfernter Verwandter, besitzt nicht mal einen Lautwert: Der erste Buchstabe im hebräischen Alphabet ist als Knacklaut einerseits Teil des Systems, andererseits seine Voraussetzung. Oder, wie Spinoza meinte, der Beginn eines Geräuschs in der Kehle. Das A-Sagen der Aktivisten ist genau das: die Vorrausetzung zur Veränderung, das Knacken eines Systems, auf das, wie man sieht, kein Verlass mehr ist. So stellt die Bewegung Ordnungen in Frage, bringt Alphabete und Abläufe durcheinander und benennt Plätze um. „New Paradigm Under Construction – Please Pardon The Mess“ steht dann auf einem Schild. Unordnung, Verweigerung und die Suche nach neuen Formaten sind Teil dieses Prozesses.

Auch jetzt, da der Zuccotiplatz geräumt, Zelte aufgeschlitzt, über 5000 Bücher der Occupy Bibliothek in Müllcontainer geworfen und auch Oakland, Philly und LA geräumt wurden, gilt das erst recht. Zwar fehlt der zentrale Ort, war Liberty Square doch ein kleines New York, komplett mit Küche, Bibliothek, Siebdruckern, Pressebüro, Meditation, Yoga, Arbeitsgruppen, Zigarettenrollern, Free Empathy-Ständen und naja: auch Trommlern. Aber rund um diese Leerstelle ist die Bewegung nur noch schneller und horizontaler gewachsen, hat sich das Under Construction weiter dezentialisiert, in noch mehr Arbeitsgruppen, Aktionen, Unruhestifter, Räumeöffner und Zweifler an vorgegebenen Ordnungen vervielfältigt. Der von rechts und links geäußerte Wunsch, die Occupy-Aktivisten mögen endlich ihre Forderung abgeben, ist dabei nicht leiser geworden und zeigt, dass er nur das Beharren auf sicheren, sanktionierten Formen maskiert, die das System nicht aus den Angeln heben, nur ein wenig quietschen lassen würden.

Ich muss dabei an Ilse Aichinger denken, die 1952 im Vorwort zu ihrer Prosasammlung Rede unter dem Galgen schrieb: „Form ist nie aus dem Gefühl der Sicherheit entstanden, sondern immer im Angesicht des Endes.“ Während man sich rundum nicht schnell genug aus der Schlinge ziehen konnte, hält ihr Schreiben den Kopf direkt hinein, übersetzt die Erfahrung des an den Rand der Gesellschaft versetzen „jüdischen Mischlings“ in ein kontinuierliches, existentielles  displacement, eine Art, vorbestimmte Ordnungen und Reihenfolgen nicht zu akzeptieren, Enden als Zentren zu denken, die Leere in der Schlinge als Raum des Widerstands und des Nichteinverständnisses offen zu halten. In einem späteren Interview spricht Aichinger davon, dass Stille im Schreiben eine Form von Engagement ist. Obwohl sie dabei wahrscheinlich nie Occupy Großgmain im Sinn hatte, sind Stille und Schlinge verwandt mit der Weigerung der Wall Street Aktivisten, Forderungen zu stellen – eine unbesetzte Mitte, in der die zur Veränderung notwendige Offenheit wohnt. Aleph und Nichts. Vielleicht könnte man sagen, dass erst diese Weigerung wirkliche Zeitgenossenschaft etabliert, wenn man Zeitgenossenschaft mit Agamben als das liest, was sich den Forderungen der Zeit gegenüber irrelevant verhält. Also diskursiver Aufschub oder sprachliche Verschiebung oder existentielles displacement, das die Voraussetzung für poetisches politisches Handeln ist. Bei Aichinger findet sich das (in den auch von Barbara zitierten) Schlechten Wörtern, in denen altbekannte Zusammenhänge nicht mehr hergestellt, Worte umbenannt und Identitäten ausgefädelt werden:

entwichen, ausgefädelt, nein, nein, so nicht, wir haben uns gleich wieder…

Sich gleich wiederhaben, aber nicht, wie die Zeit es will: Sagen eine Habe, die ausgefädelt wird, gleich und nicht gleich, sofort und anders. Weil Besetzen vor Besitzen kommt, weil so Bewegungen entstehen, die eher wacklig sind als wacker. Vielleicht sollte man überhaupt nur von diesen Bewegungen sprechen. Oder von Arten der Befragung und von Verfahren, die der verletzlichen Zeit den Raum geben, fragwürdig zu werden.

Occupy fordert das Recht auf diese Räume ein, und ist insofern Poetiklieferant. Denn soziale Relevanz durch poetische Irrelevanz heißt nicht unbedingt Abgewandtheit, oder Hölzer sammeln im Haus der Dichtung für später ästhetisches Barrikadenprogramm. Andererseits muss Dichterin nicht unbedingt mitbesetzen. Aber sie kann den Formen, Bewegungen, der Unfertigkeit und The movement is the process solidarisch gegenüberstehen, sie vielleicht sogar in dichterische Verfahren übersetzen, wobei ich nicht unbedingt von social practise und Workshops in Zelten vor dem Reichstag spreche, sondern von Recherche, Dialog, Differenz.

Daran schließt sich eine konkrete und nicht zu beantwortende Frage an, die ich seit längerem mit mir herumtrage, nämlich ob das einzelne, in sich ruhende, autonome Gedicht das richtige Instrument für diese Art kritischer Befragung und Besetzung ist. Ich spreche von der Vorstellung, ein einzelnes Gedicht könne, wenn es nur gut, opak, dicht, subversiv, radikal oder irrelevant genug ist, wenn es mit Motti, Widmung oder Zitaten die richtigen Paratext-Teleskope ausfährt, oder wenn es durch gekonnt un-gekonnte Verfahren Herrschaftsdiskurse in Frage stellt, die kritisch zu beleuchtende Gegenwart schon irgendwie ins Bild nehmen. Es gibt Gedichte, die ich schätze, bei denen das funktioniert. Ich schreibe auch selbst irgendwie solche Gedichte und hoffe, dass sie funktionieren. Aber ich finde sie immer uninteressanter im Bezug auf die Art, wie mich ihre Form als Leserin einbindet und Sprache oder Beziehungen erfahrbar macht. Die Alternative wäre nicht das Langgedicht als „Platzschaffung für zukünftig Staat“, wie Ulf schreibt, sondern hybride Formen, ein Schreiben, dass Genre- und Sprachgrenzen überschreitet, und von Kompositionseinheiten ausgeht, die weniger contained sind, weniger klar begrenzt und konsumierbar, weniger beschränkt in der Möglichkeit, Beziehungen und Strukturen über größere Räume hinweg zu erfahren und zu befragen.

Barbaras Niemands Frau ist beispielsweise so ein hybrider Text, der auf vielen Ebenen von displacement spricht. Eine andere Kategorie von hybriden Texten finde ich zur Zeit bei Autorinnen, die aus Mexiko, Frankreich oder Korea nach Großbritannien oder in die USA und damit die englische Sprache kamen, und die Avantgarde-Maschinen oder conceptual writing mit eher traditionellen, lyrischen Schreibweisen und konkreten politischen Themen kombinieren. Beispiele: Caroline Bergvall, eine französisch-norwegische Dichterin in London, aktualisiert Chaucers Middle English mit verstörenden Zeitungsmeldungen zu einem entstellten Meddle English. Die in Mexiko geborene Mónica de la Torre bringt in Imperfect Utterances Phonetikübungen für hispanische Englischlerner mit Bushs Artikulationsunfähigkeit und dem Irakkrieg zusammen. Therese Hak Kyung Chas Buchprojekt Dictéé wiederum ist die in verschiedene Sprachen (Englisch, Französisch, Koreanisch, Japanisch) und Genres (Essay, Prosagedicht, Liste, Gebet, Buchstaben, Gedicht, Photo) aufgespaltene und multiplizierte Meditation eines colonial subjects aus Korea über Gewalterfahrung durch Missionierung, Okkupation und Migration.

Das Interessante und Anziehende an diesen Autorinnen (Ulf, du hattest leider keine in Deiner Liste) ist für mich, dass sie ihre Formen einerseits aus der konkreten Auseinandersetzung mit sprachlichen, sozialen, geschlechtlichen Gewalt- oder Entfremdungserfahrungen gewonnen haben (und damit zeigen, dass Formen nichts anderes als Sedimente vergangener Funktionen und herrschender Diskurse sind), und sie andererseits in Gegenden der Instabilität, Unsicherheit und zeitgenössischen Irrelevanz überführen. Für alle gilt damit auf die eine oder andere Weise, was große Teile der Avantgarde mit der Occupy-Bewegung verbindet: The master’s tools won’t dismantle the master’s house. Caroline Bergvall beispielsweise schüttelt als nicht-muttersprachliche englische Dichterin Vorstellungen von Sprachbeherrschung von vornherein ab und richtet sich stattdessen in einer Mittelwelt ewig unfertigen Sprechens und Sprachvermischens ein – wofür Chaucers Mittelenglisch der perfekte Ort ist. Das interessiert mich – weniger dagegen das Aufstellen bestimmter durch die Avantgarde übermittelter Formen oder Antiformen (the mastering of unmastering) mit wenig oder kaum Bezug zum Objekt der Kritik. Oder ist der Umstand, dass im Wort „stamokap“ kein E enthalten ist, bereits Bezug genug, und steht das Lipogramm dann gar für die Verdrängung kleiner, nicht-monopolistischer Unternehmen im System Stamokap?

Noch einmal: Form übersetzt in Besetzung heißt für mich nicht Ankunft im Gegenprogramm, sondern Arbeit an der verschobenen Ankunft. Elemente dieser Arbeit sind: Recherche, Herstellen von Beziehungen, Wahrnehmung von Formen als Sedimente vergangener oder präsenter Funktionen und Diskurse, Differenz, illegale Übertritte, Nichts Relevantes Zu Sagen Haben, womit gemeint ist der Umstand, dass Besetzen zwar immer noch viele Schritte vor Umsetzen kommt, aber vieles in Gang bringen kann.

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