Beitrag 9: Steffen Popp

Herzberührung im Gedicht

1. Essay

Der Vortrag HERZ PONY STRUNK, den ich im Frühjahr 2011 zum Themenkomplex
„Herzberührung, Tiere und obskure Objekte im Gedicht“ im Berliner Literatursalon Parlandopark gehalten habe, begann mit einer Lesung aus Unica Zürns Tagebuch-Erzählung „Das Haus der Krankheiten“. Dem Untertitel nach die Geschichte einer Gelbsucht, ist es eigentlich die der Erzählerin, der man(n) die Herzen aus beiden Augen geschossen hat: „[Dr. Mortimer] blickte mir in die Augen. ‘Ein Meisterschuß’, sagte er traurig, aber mit Bewunderung“, und später „‘Natürlich muß er zwei Waffen gehabt haben …, man kann nicht mit einer Waffe – oder doch, wenn man zweimal schießt, geht es auch mit einer Waffe – aber nein, es müssen doch zwei Waffen gewesen sein. So hat er da gestanden, in jeder Hand eine, mit jeder in ein Auge gezielt und zu gleicher Zeit abgedrückt. Das ist ein Kunststück.‘“ Die Erzählerin: „Ich hörte nicht, was Dr. Mortimer sagte, ich stellte auch nicht einmal die Frage, ob es eine gefährliche Verletzung wäre. Schmerzen spürte ich nicht. Wenn mich nur keiner in meiner Blickrichtung störte.“ [1]

Ich möchte diese Auszüge erst einmal nicht kommentieren, sondern mit einem Gedicht von Uwe Greßmann fortfahren, das in seinen Schlussversen eine Intensität von ähnlicher Qualität entwickelt, ohne dabei das Wort Herz zu verwenden:

Schildas Kälte

Der weiße Wald
Ist furchtbar kalt
Von Stirn und Bäumen hängen
Ihm Strähnen von Eiszapfenlängen
Er schaut so frostig drein

Das kann schon möglich sein
Pustet eine alte Krähe
Die da in der Nähe
Eines Steines sitzt
Und sieht wie er die Ohren spitzt

Doch der Mann steht weiter
Weg und denkt: Na heiter
Heiß ich ja der Wind
Vom Brocken der wehe wehe
Weint das Kind

Der Krähe:
Der weiße Wald
Ist furchtbar kalt
Geworden er trägt einen dicken Pelz und Tiere
Hinterlassen darin ihre Spur von denen manche auch erfrieren [2]

Dieses Gedicht muss ich wohl kommentieren, und sei es nur, um es vor dem Vorwurf des Dilettantismus („beim Singen unter der Dusche entstanden“) zu retten. Die dilettantisch-naive Machart des Textes, das Stolpern zwischen Klischees, verunglückten Bildern, holprigen Ebenenwechseln, wirkt wie kindliche Reimerei und verstärkt schließlich die Wirkung der beiden durch ihre Überlänge auffälligen abschließenden Zeilen. Berührung entsteht nicht eigentlich durch die Information über das Erfrieren mancher Tiere, vielmehr durch die Art der Mitteilung und ihren Ort im Text – syntaktisch korrekt, rhetorisch dagegen offenbar deplatziert (der dramatische Umstand wird „ungeschickt“ angehängt/ nach-gereicht). Zu der Wirkung, um die es mir hier geht, tragen syntaktische Schwächen bei, vor allem die unbeholfenen Verlängerungen der Rede durch „und“ in der vorletzten und „auch“ in der letzten Zeile. Diese Verlängerungen wirken wie sichtbare Klebestellen und, verstärkt durch ihre logischen Schwächen, als Brüche im Sprechen, Symptome eines grundsätzlichen Ungenügens der sprachlichen Darstellung vor der Wirklichkeit. Gerade weil das Sprechen an dieser Stelle nicht (gut) beherrscht wird, ist die Wirkung intensiv.

Es ist nicht ganz leicht, den Aspekt der Herz-Berührung innerhalb einer  essayistischen oder gar akademischen Darlegung – mit deren Mitteln – zu fassen. Ein Grund dafür liegt darin, dass so geartete „Berührungen“ durch eine Mischung aus Naivität, Wahrhaftigkeit und Eigensinn, ihrem Vektor nach den Text verlassen, auf die praktische Wirklichkeit des Lesenden verweisen. Ich kenne außerdem nicht viele Gedichte, die eine solche Wirkung entwickeln – einige von Else Lasker-Schüler und Christine Lavant, ein Gedicht von Reinhard Priessnitz [3] vielleicht. Diesen verwandt und auch häufiger zu finden sind die bewusste Evokation einer „Herz-Qualität“ bei Marina Zwetajewa, anders (und weniger grundsätzlich) bei Inger Christensen, des Kargen und Elementaren bei Silvia Plath, Ossip Mandelstam, Dylan Thomas oder Dane Zajc. Diese Aspekte sind auch für den des Herzens, der Herzberührung relevant, ihm sozusagen benachbart – wie auch Aspekte christlicher Mystik, etwa der Mechthild von Magdeburgs, mit heutigen Augen gelesen [4].

Ich bin mir nicht sicher, ob sich bisher vermittelt hat, was ich mit „Herzberührung“ meine, zumal es sich um eine Metapher handelt, die naturgemäß wenig Konkretes zur Beschreibung des Gemeinten beiträgt. Ich denke schon, dass man eine funktionale Beschreibung geben könnte, andererseits widerstrebt es mir, eine zu versuchen. Mir scheint ein Diktum von Heinrich Rombach passend (der die hermetischen Elemente der Haltung/ Einstellung gegen Hermeneutiken (ver)mittelbaren Verstehens in Anschlag bringt): „Hier gibt es nichts zu verstehen, nur etwas zu sehen. Das ist der springende Punkt.“ [5]  Zur weiteren, zeigenden, Annäherung an das Gemeinte ein weiteres Beispiel, diesmal aus einem Text von Matthea Harvey in der Übersetzung von Uljana Wolf:

… Doch dann seh ich ein Pferd am Wegrand liegen und denke Du schläfst, du schläfst,
ich schaff es, dass du schläfst. Aber wenn ich die Wurstblumen nicht schuf, wie kann
ich schaffen, dass es aufsteht? Klar schuf ich die Wurstblumen. Steh auf liebes Tier … Senk deine Wimpern, das Blut wird zu Schlamm. Bleib hier und mein Heu gehört dir.[6]

Herzberührend ist für mich vor allem der erste Satz. Eine verwandte, doch anders gelagerte Wirkung auf mich haben die folgenden beiden Sätze über die „Wurstblumen“. Beide Wirkungen haben mit Widerstand, einem Aufbegehren gegen Gesetzmäßiges (Kausalität, Kohärenz, Sterblichkeit etc.) zu tun, genauer, gegen dessen Anerkennung vor jeder Möglichkeit. Nicht eigentlich dem Gesetz wird widersprochen, sondern der implizit davon abgeleiteten Unmöglichkeit einer anders als affirmativen Haltung zu diesem. Das Aufbegehren ist daher schon erfolgreich, insofern es stattfindet und damit beweist: Selbst praktisch Unmögliches (die Aufhebung von Sterblichkeit, Schwerkraft etc.) hat im Denken, im Sprechen den Status einer realen Option. Berührend daran ist nicht die Option an sich, sondern der Mut, sie gegenüber dem eigenen Wissen in Anschlag zu bringen. Die in Wiederholung und Bedingtheiten aller Art eingespannte Perspektive wird hier auf ihre Grenze gestoßen, auf ihr Entwicklungsmoment, ihr hypothetisches Potenzial über
jede Beschränkung hinaus. Rührung tritt auf, weil dieses Potenzial – „natürlich“ – als unverwirklicht erscheint. Ist aber nicht die Idee eines grenzenlosen Potenzials per se eine Illusion, die Berührung in Harveys Gedicht, die sich darüber einstellt, eine doppelte Schimäre? Vielleicht – allerdings entsteht die Berührung im Gedicht eben auch daraus, dass nicht reflektiert (geklagt, getrauert etc.), sondern gehandelt wird (als ein sich Versuchen, sich Behaupten). Und Handeln ist keine Schimäre (unabhängig davon, ob es einer solchen aufsitzt).

„Heftig und gut“ muss sein, was berühren will. Heftig aufgrund unserer Sättigung, was Bilder und Topoi betrifft, gut aufgrund unseres Überdrusses an Konsens, Geschwätz – und also im Sinne von offensiv, klar, durchdringend. Aber, aber aber – bleibt man mit Sprache nicht immer symbolisch, also unbeteiligt (altgriech.: idiotes), woran auch die Wendung von reflektierendem zu agierenden Sprechen nichts ändert, da man es weiterhin mit einem Rückzug zu tun hat, einem Rückzug aus konkreter Ohnmacht resp. Untauglichkeit, bisher in konkretes Grübeln, jetzt in symbolisches Wüten? Zugegeben – allerdings ist poetisches Sprechen nicht einfach symbolisches Handeln (im Sinne von Ernst Cassirers Definition von sprachlicher Kommunikation), sondern wiederum dessen Symbolisierung, also, wenn man so will, symbolisches Sprechen. Und damit entsteht im besten Fall etwas Neues, im Sinn einer (bitte nicht gleich verdreschen dafür) Negation der Negation: ein Agens über konkretes Handeln hinaus, das man hyperkonkret oder intim nennen könnte. Eben gestisches Agieren im Möglichkeitsraum der Rede.

In diesem Moment – beim Schreiben und Bedenken dieser Wahrnehmung – schießen, quasi von seitlich, Nebenfragen ein. Eine davon: Ist Herzberührung objektiv, für jeden vorhanden und in ihrem Vorkommen gleich, oder hängt, was so berührt, wie vieles andere der Wahrnehmung an persönlicher Neigung, Disposition? Um hier zu etwas zu kommen, muss ich die Metapher (sofern es eine ist) nun doch zerlegen – ausführen, dass es sich um eine „Berührung zweiter Stufe“ handelt, die sich nicht über die sensiblen Nerven der Haut oder inneren Organe vermittelt, sondern im Rahmen der Lesewahrnehmung über das semantische Gedächtnis, während physiologische Selbstwahrnehmung/Rückkopplung („das Herz zieht sich zusammen“) nur sekundär, gleichsam als Epiphänomen zustande kommt. Allerdings ist dieser „Übergriff“ auf die Physis für die Eindrücklichkeit der „ästhetischen“ Wirkung entscheidend – ähnlich wie Lachen, Weinen etc. tritt er auf, sobald man einen (wie auch immer sensorischen) Input kognitiv nicht mehr verarbeiten kann, etwas rational nicht mehr gebacken kriegt. Die Tiefe dieses Erlebnisbereiches ist erfahrungsgemäß individuell verschieden; manche, scheint es, berührt nie irgendwas, andere werden von allem und jedem geschüttelt. „Wirkung“ entspricht technisch betrachtet der Hemmung eines Impulses, d.h. einem Widerstand. In unserem Fall handelt es sich entsprechend um einen Widerstand zweiter Stufe: den Selbstwiderspruch jedes Versuchs, Konkretes symbolisch „zu fassen“. [7]  Wo das Konkrete diesen Zugriff ausbremst / umkehrt, läuft der Prozess des Symbolisierens leer, und diesem Schock entsprechend „stockt“ oder „krampft“ das Herz – weniger heftig als bei Problemen mit Atmung oder Kreislauf, aber spürbar.

Zu dem zuvor Gesagten zurück: Poetisches Sprechen sei symbolisches Sprechen, ein Handeln dritter Stufe. Dieses Handeln zielt aufs Eingemachte, mehr oder weniger wirksam – wie im normalen Handeln und Sprechen verschiedene Griffe verschieden stark wirken [8]. Vieles in älteren Autoren ist vor allem rhetorisch aufgeladenes, semantisch verdichtetes Sprechen, also einfaches symbolisches Handeln, und wird daher nie oder nur selten herzberührend wirken. Hier wären die naturmagischen Dichter ein Beispiel, deren Beschwörungen heute vielfach ein eher trübes Brimborium abgeben. Herzberührung kommt, wie geschrieben, aus dem Agieren „wider besseres Wissen“, aus einem Sprechen, dass seine grundsätzliche Beschränktheit auf symbolisches Handeln genau kennt – und genau nicht anerkennt. Berührung entsteht nicht, wenn ein Kind behauptet, dass Elefanten fliegen können, sondern sie entsteht, wenn dies ein Erwachsener ernstlich behauptet, der kein Wirrkopf ist oder sein will. Das ist eine notwendige Bedingung, die einige Redeweisen von der Herzberührung ausschließt: die Rede real Verwirrter oder ausgestellt Krasser, die Rhetoriken der Gelehrsamkeit und des Bescheidwissens. Auch explizit sprach- und/oder diskurskritisches Sprechen kann hier nichts reißen (und will es auch gar nicht). Auch hier fehlt das Gefälle, immer wird schon gewusst, alles in einem zwar perspektivisch redlichen, sprachlich jedoch kontrollierten Gestus vorgebracht.

Okay, es gibt diese notwendige Bedingung – sicher gibt es noch weitere, man könnte endlos schreiben, was alles per se „das Herz nicht berührt“, und ebenso endlos Merkmale gelungener Berührung anführen [9] Des weiteren erörtern, warum es offenbar viele Autoren von vornherein nicht interessiert, so zu berühren; inwiefern die Rede von „Berührung“ überhaupt sinnvoll ist, es sich nicht eher um einen Sammelbegriff für unter Umständen ganz verschiedene Wirkungen im Gedicht handelt. Wahrscheinlich habe ich hier vor allem eine persönliche Neigung / Schieflage dargestellt – andererseits, Neigungen sind ja nie singulär, man könnte im Gegenteil sagen, je eigener, desto verbreiteter, und insofern durchaus, vielleicht gar allein, objektiv. Wie dem auch sei, wichtig war mir, auf Herzberührung hinzuweisen, sie als Moment und wichtiges Movens poetischen Sprechens zu betrachten. Daran könnte, dachte ich, ein generelles Nachdenken über poetische Motivationen anschließen, sowie über den Status von Wissen und Kontrolle im poetischen Sprechen.

Scheint bei all dem durch, dass ich „Sprache“ für einen eher ungeeigneten, konkret, den am wenigsten geeigneten (am wenigsten einträglichen) Gegenstand von Lyrik halte? Nun, dem ist so. Und selbst das Gedicht als Ausdrucksform scheint mir – nicht zuletzt aus Gründen der durch den kritischen Impetus häufig erzwungenen Herzferne – immer wieder bedenklich. Andernorts [10] schrieb ich:

Stets ist es mir darum gegangen, das Gedicht zu verlassen, in Richtung auf ein
schöner-größer-tiefer angelegtes Ding; wir waren wohl nicht konsequent, nicht mutig
genug. Daher das ewige Unbehagen, Gefühl des Verrats bei der Arbeit an Gedichten – nicht die symbolische Funktion, die konkrete bedarf der Entwicklung. Poetische
Relevanz bemisst sich danach, in welchem Maß sich dieser Impuls vermittelt.

Und war nun froh, eine Verbindung gefunden zu haben, ein Hineinstehen dieser konkreten Funktion ins poetische Sprechen. Manchmal finde ich Herzberührung in eigenen Texten:

Dieses Gefühl überwintert
in deinem Handschuh, leise schnaufend
wie ein zu großes Tier
unter dem Waldboden.

häufiger allerdings lediglich Vorstufen, Ansätze, Reflexionen zu einer solchen:

Herzoperation im Innern von Wiesen
Drug-Monitoring im Heu.
Siehst du uns, Octopus, tauchend
Löwen, verlaust und befreit. [11]

Dem Unterschied im Gestus der beiden angeführten Strophen entspricht der verschiedene syntaktische und rhetorische Aufwand der Texte. Das – sei es auch selbst bildhafte – Sprechen über Herzberührung braucht diesen technischen Aufwand, zur Evokation der Berührung hingegen genügen Verschiebungen auf semantischer Ebene, in der Logik der Wahrnehmung.[12]  Ein Bruch in der Wahrnehmungslogik bei zugleich formal korrektem Verlauf der Rede ist auch für die eingangs zitierte Passage von Uwe Greßmann konstitutiv: „Der weiße Wald / Ist furchtbar kalt / Geworden er trägt einen dicken Pelz und Tiere / Hinterlassen darin ihre Spur von denen manche auch erfrieren“. Ein herzwirksames „Verunglücken“ dieser Art bestimmt auch den zitierten Text von Unica Zürn, der von Augen mit Herzen (!) spricht, die später noch als „mitten durch die Brust geschossen“ beschrieben werden. Der Stolpern der Wahrnehmung bei gleichzeitig formal korrektem Sprechen zeigt die genaue Beschaffenheit einer „organischen“ Leerstelle an, deren Evokation entsprechend „zu Herzen geht“. Unabhängig davon, ob diese als persönlicher Verlust oder als grundsätzlicher Mangel des Darstellungsmodus bestimmt wird, ist damit ein Unvermögen bezeichnet, das spürbar zu machen in gewisser Hinsicht therapeutisch ist. Der Text wird in solchen Fällen zum Fenster auf eine lebendige Wirklichkeit, der die Welt der Propsitionen, Bilder und Bedeutungen wie blühender Schimmel aufsitzt. Gelegentliches Stocken im Text ist hier angezeigt.

2. Albumblatt

Dichtern ins Album

Traumkammern – Bühnen, Kantinen – schwach leuchtende Aquarien
des geistig verwirrten Gerichtspräsidenten in uns. Jenseits von Pharmazie
gingen wir sturzbenebelt durch Lehren, Lehrkörper, Lehranstalten.
Siehe aber den Helden, er durch das Meinen und alles wie eine Axt.

Der mythische Heerführer gebadet ward. Das innere Wild mit den Hufen
Sinn, Seele, oh und ach, dem Horn raunende Nacht geschlachtet ward.
Sein Fell die Liebe die Liebe die Liebe gibt Wärme ab, ungefragt vor und
über dem Denken wärmt es die Wand, der es gleich ist, an der es hängt.

Ohne zu gehen auf Wegen, lang. Sieh den Boden an mit eben der Kraft.
Wandernd, wie unter Stein, unterm Meer. Logos spricht für sich – so
der Idiot. Durch ihn ist alles gesagt, alles Sagbare durch, das Unsagbare
noch. Unsägliches bleibt. Heilige Scheiße, Tiefe: Wir wollten so sein.

Anmerkungen

[1] Unica Zürn, Das Haus der Krankheiten, Berlin 1999, S.5f

[2] Uwe Greßmann, Das Sonnenauto, Halle (Saale) 1972 (posthum), S.47

[3] privilegium minus, aus Reinhard Priessnitz, vierundvierzig gedichte, Graz-Wien 4. Aufl. 2004, S.10

[4] Vgl. Monika Rincks Übertragung von Mechthild von Magdeburg ins Nhd., in: Je tiefer ich sinke, je süßer ich trinke. Poetische Annäherungen an Mechthild von Magdeburg, Holderbank u.a. 2010. Daraus ein Zitat: „Das Tier hat zwei schöne menschliche Augen, die fließen ihm voll Tränen nach dem schönen Berge, da wäre es nun sehr gerne.“, a.a.O., S.39

[5] Irgendwo in dem eher abschreckend betitelten Buch von Heinrich Rombach: Der kommende Gott. Hermetik – eine neue Weltsicht, Paderborn 1997

[6] Matthea Harvey: Du kennst das auch. Aus dem am. Englisch von Uljana Wolf, Idstein 2010, S.7

[7] „Denke: Knall.“ In: Elke Erb, Sonanz, Basel 2008

[8] Handeln erster Stufe (konkret): Watsche bis Leberhaken. Handeln zweiter Stufe (sprachliches/gestisches Kommunizieren als symbolisches Handeln): einfacher Anschiss bis beiläufige Vernichtung.

[9] Eine vorläufige Liste technischer Beobachtungen zum Phänomen „Herzberührung im Gedicht“: Syntax, Semantik und Aussage sind „vergleichsweise einfach“, dies teilweise ausgestellt; rhetorisch konstatiert man „Modus Ungeschminkt“, zumindest Nüchternheit, ruhigen Ton. Effet (Dreh) ist eben Herzberührung – dies ohne Larmoyanz. Das mit dem Griff zum Herzen immer auch verbundene Element des Schocks, des Umwurfs ist meistens stark. Kontext: oft abhängig von, wie etwa im Text von Greßmann (andererseits ist diese Art Griff ganz klar ein eigenständiges Moment). Haltung: teils aus einer Demut heraus (hier die Verbindung zur christlichen Mystik), teils aus einer Ohnmacht, einem Eigensinn heraus (wie bei Zürn, Harvey). Impetus: Gegen gesellschaftliche (etc.) Verhältnisse, sprachlichen Zugriff und andere herzwidrige Faktoren ein Sympathisieren mit allen Wesen, ein Phantasma der Liebe verteidigen.

[10] Mehreren Orts, es scheint mir wichtig zu sein – zuletzt in „Helm aus Phlox“, einem Poetik-Labor mit Ann Cotten, Daniel Falb, Hendrik Jackson und Monika Rinck, Berlin 2011.

[11] Beide Zitate aus Steffen Popp: Kolonie Zur Sonne, Idstein 2008.

[12] Hier: Inwiefern ist das Tier „zu groß“? Und ist das Gefühl, analog, zu groß für den Handschuh? Wie in dem Märchen, in dem nicht nur immer mehr, sondern auch immer  größere Tiere des Waldes in einem Handschuh Schutz suchen – und finden? In Poetik des Raumes spricht Gaston Bachelard von der Erbsenfee, die mit zwei Eimern Erbsen beladen in ihre erbsengroße Kutsche steigt.

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