Beitrag 11: Peter Waterhouse

Und haben mein Haus m-

Der Linienbus, nachdem er mit uns hinaufgekreist war auf einen Hügel, hielt oben auf der Kuppe an. Es war ein Kulm. Keiner rauher Kulm, wie ich ihn als kleiner Bub gesehen hatte im Ennstal in der Steiermark, wo ich ein paar Monate lang die Aigener Volksschule besucht hatte und zum ersten Mal in meinem Leben das Wort Kulm gehört und mir gemerkt habe bis heute, wiewohl ich das Wort nie gebrauche und so gut wie niemals irgendwo gehört habe. Auf der Reise war ich wieder oben auf einem Kulm. Der Autobus hielt an, die Kuppe war nicht unbewaldet, und es war dort leise, nur die Eukalyptusbäume zu hören. Ich erinnerte mich daran, daß ich in der österreichischen Dorfschule noch nicht Deutsch hatte schreiben, der Sprache nur hatte zuhören können – es war nach einer Familienkrise, bei der es zu Gewalttätigkeit gekommen war, bloß ein hastiger Zwischenaufenthalt in einer fremden Volksschule in einem von der Sommerfrische her bekannten Dorf.

Die Kuppe, die Eukalyptusbäume und die gelbe und braune und weiße Wiese waren das Gericht. Es war noch niemand gekommen zum Gerichtstag in der über den Hügel und im Tal verstreuten Siedlung zwei Reisestunden westlich oder östlich, nördlich oder südlich der Hauptstadt Kigali – kein Richter, kein Angeklagter, kein Zuhörer –, nur die Bäume und der Himmel waren da, unbeteiligt, leise und inaktiv. Gehörten sie dem Gericht an? Indem sie so unbeteiligt waren, leise und inaktiv, schienen sie beteiligt zu sein an dem Gerichtstag. Als ich einen Halbtag lang gewartet hatte, in den braunen und weißen Gräsern mich niedergelegt hatte, im Schatten des Eukalyptushains, in den Nichtdornbüschen vor der Sonne geschützt, trat das Gericht zusammen und tagte.

Wie sollte ich es mir erklären, daß das Wort Kulm einen Menschen so lange begleitete – sich an einem Kind und scheuen Jugendlichen und unerfahrenen Erwachsenen so lange beteiligte, so lang und leise in ihm war, der es niemals hörte oder selbst sagte, der so gut wie nie einen Kulm sah? An den Kulm im inneralpinen Ennstal unter den riesigen Bergen konnte ich mich kaum erinnern. Er stand wie ein krummer Wald in der Nähe eines Flugfelds und Segelflugzeuge überflogen ihn, manchmal leise zischend. Und wir sahen von ihm zwischen Ästen hindurch auf eine Kaserne. Soldaten mit schwarz geschminkten Gesichtern waren oft auf dem Kulm, sie standen hinter den Bäumen oder sie sprangen hinter einem Baum hervor hinter einen anderen Baum oder sie schossen mit etwas, das wir Schrot nannten, von Baum zu Baum. Die leeren aufgeplatzten Patronen, Röhrchen aus hellem grünen oder roten Plastik, lagen auf dem Waldboden. Hinter fast jedem Baum auf dem Kulm stand jemand und äugte, entweder war es ein Soldat oder kein Soldat. Aus allen Richtungen äugte es. Wenn dort keine Soldaten sich versteckt hielten, war es auf dem Kulm unheimlicher und heiliger. Doch war es nicht klar zu unterscheiden, ob Soldaten da waren oder nicht. Waren die Soldaten nicht da, so waren sie versteckter als versteckt immer noch da. Immer unvergesslich. Auf dem Hügel im ruandesischen Hügelland kam mir das Wort Kulm in den Sinn, welches sozusagen immer da war – aber waren die Wiese und der Hain und die Kuppe … war das ein Kulm? Oder war ein Kulm eigentlich gar nichts? Etwas Unsicheres? Ein ephemeres Gelände? Ist Kulm so lang mir im Gedächtnis geblieben, weil etwas Ephemeres im Gedächtnis geblieben ist? Weil es transitorisch ist, weil es nur Tagesdauer hat? Ist es im Gedächtnis geblieben, gerade weil es nicht haltbar und dauerhaft ist? Kulm war höchstwahrscheinlich ein Wort, das im Leben keine große Bedeutung hat. Begleitete es darum? Dauerte es nur einen Tag? Begleiteten uns die Eintagsworte? Waren die Eintagsberge treu? Und die Eintagstage? Waren Tagebücher Eintagebücher? Ich saß mit den Fragen zur Mittagszeit unter den Eukalyptusbäumen, durch die das Sonnenlicht leuchtete, sodaß die Schatten leuchteten.

War die Kuppe dort im zentralen Tausendhügelland besonders ephemer, besonders eintägig und luftig? Stand die Kuppe im Luftraum – nicht unter freiem Himmel, sondern im freien und hellen blauen Himmel, und wuchs das trockene Gras im Himmel? Trocknete und leuchtete der Sandboden überall im Himmel? War der ganze Kulm so, wie im Wörterbuch das Wort transitory beschrieben wurde: ‚having the quality of passing away; not lasting; fleeting, momentary, brief; transient; having a passage-way, allowing passage through; of little moment’? War ich so weit bis hierher gereist, um einem flüchtigen Gerichtstag beizuwohnen? Um der Flüchtigkeit willen, nicht der Gesetzlichkeit? Wer in unserem 21. Jahrhundert nach Europa, nach Österreich zum Beispiel, als Flüchtling kam, der wurde sogleich und lange vor Gericht gestellt. Der Flüchtige und Flüchtling kam vor das Gesetz.

Auch die Sprache schien vor das Gesetz, in das Gesetz hinein zu kommen. Die Sprache wurde übersetzt in Gesetze. Gesetze waren zusammengesetzt aus Sprache. Das Gesetz holte sich sein Material aus der Sprache. Zum Beispiel konnte das Wort Kulm kaum in einem Gesetz geschrieben stehen. In einem Paragraphen konnte es gegebenenfalls heißen: Ein Kulm ist jene Zone eines Hügels oder Bergs, die ihn nach oben begrenzt. Oder: Kulm ist gleichbedeutend mit Hügel. Kulm ist im Hochgebirge jene Fläche unmittelbar um die Bergspitze.

Auf den ersten Seiten des Michael Kohlhaas von Heinrich von Kleist, welcher zum Teil Jurist war, im Kohlhaas weder ein Plädoyer hielt noch ein Urteil sprach – man wußte nicht recht, was er sprach –, auf den ersten Seiten wiederholte sich das Wort Schlag: ‚als er an die Elbe kam, und bei einer stattlichen Ritterburg, auf sächsischem Gebiete, einen Schlagbaum traf, den er sonst auf diesem Wege nicht gefunden hatte’; ‚und rief den Schlagwärter’; ‚Am Schlagfluß gestorben’; ‚Himmelschlag! Rief Herse’; ‚und erfuhr, daß die Klage, auf eine höhere Insinuation, bei dem Dresdner Gerichtshofe, gänzlich niedergeschlagen worden sey’; ein eichener Sarg, stark mit Metall beschlagen’. Was also war der Schlag, von dem ebenso im Schlagbaum wie im Schlagfluß, im Schlagwärter wie im Himmelschlag oder in der niedergeschlagenen Klage die Rede war? Es sah so aus, als ob ein Schlagwärter so aussah wie ein Schlagbaum – so groß war. war der Baum ein Wärter? Allerdings war der Schlagbaum eine Schranke, der Schlagwärter einer, der an einer solchen bloß stand, mit ihr ansonsten nichts gemein hatte. Schlagbaum und Schlagwärter und Himmelschlag, obgleich die Worte gleich aussahen und bei Kleist in spiegelndnaher Nähe standen, waren ungleich. Wie würde ein Gesetz die Frage beantworten, was ein Schlag sei – ein solcher Schlag, wie er zu sehen war oder zu hören war am schlagenden Himmel und im Schlagfluß? Im Wärter und Baum und schließlich im Gerichtsgebäude? Wie war es Kohlhaas (mehr Hass als Hase, mehr Hase als Hass?) Knecht ergangen, nachdem er auf der Burg des von Tronka misshandelt worden war? Kohlhaas Frau Lisbeth berichtete: ‚Denke dir, daß dieser unseelige Mensch, vor etwa vierzehn Tagen, auf das jämmerlichste zerschlagen, hier eintrifft, nein, so zerschlagen, daß er auch nicht frei athmen kann.’ Es sah die Sprache, insbesondere aber dieses Wort Schlag, veränderlich aus, ungesetzlich. Das Wort stan nicht wirklich geschrieben, sondern bewegte sich geschrieben. Bewegte sich auch als gesprochenes in den Nachrichtensendungen im Radio. Als wieder einmal die Rede war von einem neuen Reformvorschlag, also abermillionsten Reformvorschlag, sagte die Nachrichtensprecherin – und korrigierte sich sofort –: ein neuer Reformschlag. Dann verbesserte sie das Wort: Reformvorschlag.

Bewegung brachte Kleist an anderer Stelle in einen Rechtsausdruck. Als Michael Kohlhaas seinen Krieg begann gegen die Ritterburg des Wenzel von Tronka – und zwar wie der ‚Engel des Gerichts’ – und Feuer legte, mordete und zerstörte, kam es zu der folgenden Szene: ‚Inzwischen war, vom Feuer der Baraken ergriffen, nun schon das Schloß, mit seinen Seitengebäuden, starken Rauch gen Himmel qualmend, angegangen, und während Sternbald, mit drei geschäftigen Knechten, Alles, was niet- und nagelfest war, zusammenschleppten’. Der Ausdruck niet- und nagelfest bezeichnete all die Dinge, die in einem Gebäude befestigt waren und beim Wechsel des Besitzers darin verbleiben mußten, als Teil der Konstruktion. Herausreißen aus einem Gebäude konnte man nur, was nicht niet- und nagelfest war. Bei Kleist schleppten die Knechte aber alles das zusammen, was niet- und nagelfest war, was sich also gar nicht zusammenschleppen ließ. Genau genommen schleppten sie das ganze Gebäude zusammen und Kleist schriebt das Wort Alles mit einem großen, sehr großen Anfangsbuchstaben: ‚Alles, was niet- und nagelfest war’. Der Rechtsausdruck wurde bei Kleist ungesetzlich. Alle Buchausgaben von Kleists Michael Kohlhaas, die vor 1990 erschienen sind, haben den Fehler, die Ungesetzlichkeit, die Unrechtschreibung korrigiert – so wie zuletzt die Nachrichtensprecherin sich selbst korrigiert hat. In allen diesen Ausgaben war zu lesen: ‚alles was nicht niet- und nagelfest war, zusammenschleppten, und zwischen den Pferden, als gute Beute, umstürzten’. Der Rechtsausdruck wurde rechtskonform, die Knechte trugen das zusammen, was sich zusammentragen ließ. Die sogenannte Berliner Ausgabe, die 1990 erschien, in Basel und Frankfurt, ließ Sternbald und die Knechte wieder etwas tun, das außerhalb des Ausdrucks war.

Konnte es also sein, daß die Sprache etwas Anderes wollte, nämlich etwas Unkorrektes und Ungesetzliches? Nämlich etwas Bewegliches? Ließ sie sich nicht richtig setzen? Saß sie nicht? Gab es einen dauerhaften Konflikt zwischen dem Beweglichen der Sprache und dem Gesetzlichen der Gesetze? Zwischen Sprache und Gesetz? ‚Das Rechtgefühl aber machte ihn zum Räuber und Mörder.’ Gab es auch das Sprachgefühl und war dieses ein Bewegungsgefühl? Gab es eine unbewegliche Sprache gar nicht? War die Sprache stets essayistisch, versuchend, ansetzend, ein Inbewegungsetzen?

In der ‚Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien’ veröffentlicht und versteckt fand ich im Jahrgang 2010 eine Studie mit dem Titel ‚Wie erklären Sie mir diesen Widerspruch?’ Es handelte sich um eine Untersuchung der Sprache vor Gericht, genauer gesagt vor dem Unabhängigen Bundesasylsenat in den Jahren 2005 und 2006, welcher inzwischen in den Unabhängigen Bundesasylgerichtshof umgewandelt worden ist. Die Studie beschäftigte sich mit dem Thema Übersetzung in Asylverfahren, insbesondere mit Widersprüchlichkeiten, mit dem einmal Ja und einmal Nein auf die gleiche Frage. Zwar lag niemals eine Anklageschrift vor, aber es kam zu einem Gerichtsverfahren. Den Auslöser für dieses Verfahren stellte der Antrag auf Asyl, auf Schutz dar, den der Flüchtling sogleich nach der Einreise nach Europa stellte. Der Antrag ersetzte oder war fast die Anklageschrift und ein Verfahren wurde eröffnet, zunächst vor einem Amt, danach, falls gegen die Entscheidung der ersten Instanz Berufung eingelegt wurde – also immer, denn immerzu lehnte die Entscheidung der ersten Instanz den Antrag ab  –, vor der zweiten Instanz, welche der Asylgerichtshof darstellte. Die Gespräche in den Ämtern waren immerzu Einvernahmen, Verhöre. Wußte irgendeiner unter den Flüchtlingen von dem Unterschied zwischen vernehmen und vernehmen, zwischen verhören und sich verhören? In einem der Verfahren des Jahres 2005 vor dem Unabhängigen Bundesasylgerichtshof in Wien hat sich eine Übersetzerin verhört. Einem Mann aus der Universitätsstadt Benin City im Süden von Nigeria, im Delta des Niger, nicht zu verwechseln, also zu verwechseln mit der République Populaire du Bénin, früher Dahomey – mein älterer dtv Atlas verzeichnete Dahomey –, einem Mann aus Benin City wurde eine Frage gestellt (abgedruckt im Transskript in der Zeitschrift): „So, nachdem Sie sich also geweigert haben, in Benin City einen Eid abzulegen, sind Sie dann direkt nach Lagos geflüchtet. Ist das richtig?“ Der Mann sprach nicht Deutsch, die Frage wurde ins Englische übersetzt: „So that means after you f- you f- refused to take an oath in Benin City you directly fled to Lagos?“ Der Beniner antwortete: „Yeah, because they will always come to my house and w- (?always) tie a red something on my house, so I was (??) scared of my life.” Die Übersetzerin übersetzte diese Antwort ins Deutsche: “Ja, weil diese Leute sind immer          zu mir nach Hause gekommen          und haben mein Haus m- mit roter Farbe bemalt          und ich hatte Angst um mein Leben.“

Es schien niemandem aufgefallen zu sein, daß der Man aus Benin gesagt hat, er sei scared of my life gewesen, die Übersetzerin aber gesagt hat, er habe Angst um sein Leben gehabt. Hatte der Beniner nicht gesagt: Angst vor seinem Leben, nicht um sein Leben?

Das f-, das wiederholte f-, was war damit? Die in der Zeitschrift für kritische und versteckte Afrikastudien veröffentlichte Transskription jener Gerichtsverhandlung des Jahres 2005 gab genau wieder, daß die während der Verhandlung übersetzende Übersetzerin etwas tat, das gar nichts damit zu tun hatte, was der Richter sagte. „Nachdem Sie sich also geweigert haben, in Benin City einen Eid abzulegen“ – „after you f- you f- you refused to take an oath in Benin City“. Was sagte die Übersetzerin? Woran dachte sie? Warum sagte sie f- anstatt refuse? Weigerte sich die Übersetzerin, die soeben eine Frage gehört hatte, in welcher von der Weigerung die Rede war? Weigerte sich sich, refuse zu sagen? Refusing to refuse? Oder weigerte sie sich gar nicht, sondern hatte in der soeben gestellten – ihr und nicht ihr gestellten – Frage das Wort geflüchtet gehört? Sind Sie dann direkt nach Lagos geflüchtet – was sie übersetzt hatte in you directly fled to Lagos. Hatte sie das Wort geflüchtet gehört, auf eine eindringlichere Weise gehört als die anderen Wörter, mehr als gehört, und schon vorausgedacht an das Wort fled? Und sagte sie darum f-, zweimal, weil diese flüchtige, flüchtende Wort gesagt worden war – hörte sie etwas Flüchtiges und es blieb haften, dauerte, hallte, klang und bekam ein Echo? Antwortete? Übersetzte sie gar nicht, sondern antwortete? Wie antwortete sie? Antwortete sie durch eine Nachahmung, eine Wiederholung? War ihre Antwort ein Echo? Direkt nach Lagos geflüchtet, fragte der Richter, nachzulesen im Transskript. Und die Antwort gab zunächst nicht der angeklagte Flüchtling, sondern die Übersetzerin; die also ganz kurz, flüchtig, selbst zum Flüchtling und zur Angeklagten sich machte? Die erste Antwort war also nicht ein Ja oder ein Nein oder das Yeah des vor Gericht Gestellten, welches der Mann aus Benin sagte, sondern die erste Antwort war f- f-. Die Antwort glich ein wenig der Frage. Oder die Frage gab die Antwort.

Oder vielleicht protestierte die Übersetzerin dagegen, daß der Mann auf der Flucht antworten musste. Die Antwort lag anderswo, wurde anderswo gegeben. Die Übersetzerin nahm Teil an einem anderen Verfahren, von welchem bloß eine geringe Spur zu erkennen war, kaum das Gericht, kaum eine Anklage, kaum eine Vernehmung, kaum Auskunft, wenig Information. Die Übersetzerin sagte: you f- you f- refused. Wer war dieses you? War dieses Du sie selbst? Verweigerte sie sich dem Gerichtsverfahren?

Weil? Weil sie die Frage für falsch gestellt hielt? Weil sie die Fragen des Gerichts für falsch gestellt hielt? Warum? Dachte die Übersetzerin vielleicht, daß viel eher dieser Mann aus Benin Fragen zu stellen hätte, Fragen über das Gebäude, in das er gekommen war – ein Gerichtshof im Zehnten Wiener Gemeindebezirk, mit einer Fassade namenlos und aufschriftlos und glasig, undurchsichtig durchsichtig –, Fragen, wo er eine Wohnung, Arbeit und Freunde finden würde, wo er Winterkleidung kaufen oder finden würde –, vor allem keine Fragen zu beantworten hätte, sondern Erzählungen zu erzählen und jemanden nötig hätte, der ihm keine Frage stellte und in der fragelosen Stille ihm zuhörte oder ihn in Ruhe ließ. Ihn in der Ruhe ließ, ihn durch das Lassen in etwas ließ, das nicht durch Machen gemacht wurde, sondern durch Lassen gemacht wurde: die Ruhe. Ihn in einer Art von Nichts ließ, welches unerreichbar war und undarstellbar durch Fragen, geheimnisvoll, im Nachforschen unauffindbar. Nichts, etwas Wichtiges, aber doch nur nichts. Dachte die Übersetzerin, daß der Gerichtshof das falsche Gebäude war, eine Erzählung richtig wäre, nämlich kein richtiges Haus wäre? Es brauchte keinen Hof, es brauchte die Sprache und die Zeit und die Stille? Sie alle, die Sprache, die Zeit und die Stille, gehörten nicht vor Gericht gestellt? Sie gehörten nicht überprüft? Die Sprache, die Langsamkeit und die Stille des Beniners gehörten gehört? Eines der Radioprogramme warb mit dem Slogan: Ö1 gehört gehört. Aber der Gedanke sollte besser lauten: Ö1 und die Geflüchteten gehören gehört. War die Übersetzerin nicht viel genauer, indem sie etwas hörte, das der Richter nicht gesagt hatte: f-, zweimal? Das der Richter nicht gesagt hatte: also etwas Stilles? Hat die Übersetzerin eine Stille gehört?

Warum machte sie den Fehler, der mir nicht als Fehler erscheinen wollte, ein zweites Mal? War die Antwortende vor dem Gerichtshof: die Übersetzerin? Gab sie Auskunft? Welche? Der Richter hatte nichts gesagt, daß dem zweimaligen f- zu vergleichen wäre. Er hatte gesagt und gefragt: „So, nachdem Sie sich also geweigert haben, in Benin City einen Eid abzulegen, sind Sie dann direkt nach Lagos geflüchtet. Ist das richtig?“ Wehrte sich die Übersetzerin gegen etwas? Von ihr wurde ja verlangt, sehr genau zuzuhören. Hörte sie etwas, gegen das sie sich zur Wehr setzte? Wehrte sie sich gegen das Wort also? „So nachdem Sie sich also…“ In der Rede des Richters gab es eine unscheinbare Wiederholung: so … also. Antwortete also die Übersetzerin mit einer Wiederholung? f- f-? Antwortete sie mit den beiden f-, indem sie beinahe verstummte, jedenfalls etwas nicht sagte, nicht sagen konnte? Antwortete sie überraschend? War ihre Antwort ein Wunder? War es wirklich das Wort also, gegen das sie sich und den Angeklagten zur Wehr setzte? „Nachdem Sie sich also geweigert haben?“ Also geweigert? Wie weigerte man sich also? Hörte die Übersetzerin, hörte sie nämlich fast nichts, kaum etwas, ganz kaum, mit großer Mühe: ein Anagramm? Hörte es, weil sie Zeit hatte und Ruhe und Stille und Sprache? War die Übersetzerin vor diesem Gericht – eine Anagrammhörerin? Eine Zuhörerin der Anagramme? Welche sich fast nicht vernehmen ließen? Die man so hörte, wie wenn man sich verhörte? Also geweigert: ALSO plus erster Buchstabe von GEWEIGERT. ALSO plus G. A-L-S-O-G: Lagos?  Hat die Übersetzerin mit ihrem allerfeinsten Gehör und Zuhören und Vernehmen das Gerichtsverfahren außer Kraft gesetzt und in dem also die Stadt Lagos gehört? Also g-, also g-, Lagos?

War es wirklich das Wort also, gegen das sie sich wehrte? Sie sprach ihre winzige Nichtsprache als fünftes Wort: „So that mean after you f-„. Zählte ich you und f- zusammen – you und f- war ja die Formel, welche sie wiederholte –, so bildeten sie zusammen die fünfte Stelle im Satz der Übersetzerin. „So that means after you f-„. An der fünften Stelle im Satz des Richters stand das Wort also. War also also das Problem?

Warum sagte der Richter zum Angeklagten also? „Nachdem Sie sich also geweigert haben“. Die Übersetzerin, die viel und fein hörte, hat dieses Wort nicht übersetzt. Sie hat den Satzanfang auf die folgende Weise übersetzt: „So that means“ – doch das englische so war ein anderes also. So that means fasste das zuvor Gesagte zusammen oder deutete es, klärte und ordnete es. So that means: Das (was Sie gesagt haben) bedeutet also. So that means ins Deutsche zurückübertragen meinte ungefähr: Das heißt – Das heißt, nachdem Sie sich weigerten, in Benin City einen Eid abzulegen, sind Sie sofort/unverzüglich nach Lagos geflüchtet. Doch das, was die Übersetzerin sagte und sich von dem Richter vielleicht wünschte, hat der Richter nicht gesagt. Er hat seine Sache und seine Worte verdorben durch das also. Also in seinen Worten war keine Zusammenfassung oder Klärung. Der Richter sagte nicht: Ich fasse also zusammen. Er sagte: Sie haben sich also geweigert. Der Weigerung wurde eine Nuance angefügt, wie ein kleines Schild etwas angehängt. Angelastet? Sie war nicht mehr bloß eine Weigerung, sondern eine gekennzeichnete Weigerung, eine Weigerung, die beschrieben oder beurteilt wurde. Also geweigert. Die Übersetzerin setzte sich zart zur Wehr. Sie haben sich also geweigert, einen Eid abzulegen. Gegen die versteckte Verurteilung, die Vorverurteilung des Einwanderers wehrte sich die Übersetzerin und konnte das Wort geweigert nicht aussprechen, nicht richtig und folgerichtig sagen. Sie weigerte sich – sie wertete die Verweigerung wieder unerwartet auf. Sie machte sie gut. Sie verurteilte die Verweigerung nicht. Sie richtete nicht. Sie wandelte das Gerichtsverfahren um, von niemandem bemerkt. Vom Angeklagten vielleicht nicht bemerkt, weil er die zweisprachige Lösung nicht hören konnte. Sie schuf vielleicht Gerechtigkeit, in einem Verfahren, in welchem es, ihrem Fühlen und Denken entsprechend, nicht um die Gerechtigkeit ging. Weil sie zweisprachig sprach – ohne richtig selbst zu sprechen –, hörte sie das Unrecht und das andere Gesetz. Sie setzte das nicht besonders auffällige Urteil des Richters außer Kraft, sie löschte die Absicht des Richters und brachte wieder Wahrheit in das Gespräch. Wahrheit, war sie das andere Gesetz?

Sie haben sich also geweigert. Es klang, wie wenn die Rede wäre von einem Vergehen und Verstoß, von einer Gesetzesverletzung. Auch klangen die Worte des Richters, als ob er von etwas Unglaubwürdigem spreche: Also, irgendetwas stimmt hier nicht.

Warum wurde das Wort also in der englischen Übersetzung zu einem zögerlichen f-? F– ahmte das richterliche geflüchtet nach. Es antwortete als Echo auf die Flucht. So hörte ich es. Das Wort geflüchtet hallte nach und nach und nach – in dem für den Nachhall offenen Raum der Übersetzerin, der Seele? – und erklang verkleinert, verzärtlicht wieder in f-. Bedeutete – so that means? – das f- aber gar nicht mehr Flucht, sondern Verweigerung, Sichzurwehrsetzen? Übersetzte die Übersetzerin die Flucht in ein Stehenbleiben, Halten, Bleiben. Hielt sie die Flucht an und die Zeit auch? Sie verteidigte ihn, der vor dem Gericht keinen Verteidiger neben sich hatte. Sie verteidigte ihn auf eine wunderbare Weise – indem sie übersetzte, indem sie nicht folgerichtig übersetzte. Die Übersetzerin übernahm die Verteidigung – vielleicht von niemandem zunächst bemerkt. Sie verteidigte, sie sprach sich dafür aus, daß der Einwanderer aus Benin in seiner Heimat keinen Eid abgelegt hatte. Sie ergänzte in dem Verfahren das, was fehlte – das Plädieren: Sie tat einen Gefallen, sie tat das, was gefällt, das lateinische placitus, der Gefallen und die Meinung placitum. Sie sagte auf Englisch ihre Meinung, nicht dem Richter entgegengesetzt, sondern in der Rede, in der übersetzten Rede des Richters. f- f- war die Meinung der Übersetzerin, war der Gefallen, den sie tat. Ge f-. Konnte ich die Gefühle der Übersetzerin spüren? War in dem f- der Hauch zu hören, der Hauch im Wort fühlen? War ein Gefühl ein Hauch? fü-?

In dem amtlichen Protokoll der Gerichtsverhandlung, ebenfalls wiedergegeben in der wissenschaftlichen Zeitschrift, fand ich die Stimme und die Meinung und die Gefühle der Übersetzerin nicht. Das Protokoll gab das Gerichtsverfahren wieder als einen Wechsel von Frage und Antwort zwischen Richter und Einwanderer – keine Spur mehr von der Übersetzerin. So, nachdem Sie sich also geweigert haben – und die Antwort, die darauf gegeben wurde – sie wurden auf die folgende Weise protokolliert: „VL (der Verhandlungsleiter): Nachdem Sie sich geweigert haben, einen Eid in Benin City abzulegen, sind Sie sofort nach Lagos geflüchtet? BW (der Berufungswerber): Ja.“ Die Übersetzerin war wie verschwunden. Das doppelte f- war verschwunden. Das so und also waren weg. Die Mündlichkeit und die Seele waren verschwunden. Lebte die Seele nur in der Mündlichkeit? Wer konnte die Seele aufschreiben? Wie waren die Wahrheit und die Seele zu schreiben und beschreiben? In der ‚Wiener Zeitschrift für Kritische Afrikastudien’ Nr. 18 waren sie viel später wieder da – das f- hieß wieder f-, so und also waren in der Zeitschrift für Afrikastudien wieder so und also und die Dolmetscherin hieß D wie Dolmetscherin. Auch der Einwanderer kehrte zurück und sprach in seiner nichtprotokollierten Muttersprache oder englischen zweiten Zweitsprache – er sprach, wie er gesprochen hatte, und sagte wieder, wie er gesagt hatte, yeah und a red something und scared of my life. Alle sprachen in der Zeitschrift für Afrikastudien so, wie sie sprachen, der Richter wie der Richter, die Übersetzerin wie die Übersetzerin und wie der Richter und wie der Einwanderer aus Afrika, und dieser Einwanderer sprach wieder wie der Einwanderer. In der Zeitschrift für Afrikastudien sprachen alle wieder wie alle.

„Yeah, because they will always come to my house, m- try come to the house and w- (?always) tie a red something on my house, so I was (??) scared of my life.” So sprach in der Zeitschrift für Afrikastudien der Einwanderer – und also und so that means: Es war vieles davon nicht zu verstehen. „They will always come to my house, m- try come to the house.“ Was war dieses m-? So wie das f- der Übersetzerin wurde es mit einem Bindestrich notiert und konnte der zögerliche Anfang eines Wortes sein. Come to my house,  m- try come to the house. Was erzählte der Erzähler? Wiederholte er sich, korrigierte er sich, widersprach er sich? War die Wiederholung notwendig? Wer oder was war m-? Ein stilles me, der Anfang von my, ein Anhalten der Zeit? Nachdenklichkeit? Gefühl? Because they will always come to my house, m- try come to the house. War m- etwas anderes als mein Haus? War es etwas, von dem wir nichts wußten? Oder: keine Aussage, keine Behauptung, sondern ein Versuch – m- try? War es vielleicht gar nicht Englisch, sondern eine der vielen in Nigeria gesprochenen kongo-kordofanischen Sprachen, eine unter den Benue-Sprachen, den Adamaua-Sprachen, Gur-Sprachen, Kwa-Sprachen, Mande-Sprachen? Manche dieser Sprachen waren sogenannte Klassensprachen und grammatikalisch geordnet durch Präfixe. War das kleine m- ein Präfix? M- try come to the house and w- tie a red something on my house. w, plus Bindestrich, vielleicht war das ein Adamaua oder ein Gur-Wort? In der Transskription der Gerichtsverhandlung wurde das w- mit einer in Klammern gesetzten Frage ergänzt – (? always).

„Yeah, because they will always come to my house, m- try come to the house and w- (? always) tie a red something on my house, so I was (??) scared of my life.” Die eigentlichen Fragen standen in der Schreibung und Beschreibung des Satzes, den der Einwanderer gesprochen hatte, lauter unrichterliche Fragen – nicht der Richter stellte sie. Und er hörte sie auch nicht – die Fragen stellten sich ja erst viel später, in der Transskription und Publikation der Verhandlung. Sie stellten sich nachträglich. Gab es die Nachträglichkeit der Verhandlung und der Richter wußte von ihr nichts? Wurde die Mündlichkeit erst nachträglich in der Übersetzung in Schrift erkennbar und bewahrheitet? Die Seele erst nach einem Umweg sichtbar? Das Leben nicht im Leben lebendig, sondern später im Leben? In dem Protokoll stand protokolliert: „Ja, weil diese Leute immer zu mir nach Hause gekommen sind und haben mein Haus mit roter Farbe bemalt und ich hatte Angst um mein Leben.“ Scared of my life. Angst um mein Leben oder vor meinem Leben? Vor welchem? Vor dem jetzt und augenblicklich und schnell beurteilten – und vielleicht keine Angst um das nachträgliche, bewahrheitete, übersetzte Leben? Angst vor jedem Jetzt, keine Angst um die Langsamkeit und die langsame Flucht in die Langsamkeit? In dem Protokoll waren die kongo-kordofanischen Präfixe allesamt gelöscht, auch das nicht klar Verständliche, das eher Verhörbare und Missverständliche (das vielleicht das Leben war). Sagte der Erzähler wirklich was scared oder sprach er eine Vorsilbe aus, sprach er immer wieder irgendein Kordofanisch, seine Muttersprache?

Die Übersetzerin machte einen kleinen Fehler – was sollte man beim Übersetzen denn anderes machen als Fehler? Sie korrigierte den Fehler kaum eine Minute später – sie sagte: „dann habe ich das vorher falsch verstanden“ –, weil aber die, wie ich glaubte, poetische und übersetzende und wirkliche Stimme, die Überstimme der Übersetzerin gar nicht verzeichnet wurde im Gerichtsprotokoll, welches also nicht bloß protokollierte sondern noch und noch auslöschte, besonders gerne das Kleine und Ganzkleine, weil die Übersetzung – und überhaupt die Poesie der ganzen Sache – nicht zu Buche und Protokoll schlug, weil die Übersetzerin im Protokoll und eigentlich vor Gericht und Gesetz nichts sagte – so sagte sie eben im Protokoll und im Gericht: nichts. Dann habe ich das vorher falsch verstanden – es war wie fast nicht gesagt, es war wie verschwunden (zu Lebzeiten verschwunden), es war wie nichts. Und in der ‚Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien’ kehrte im Jahr 2010 die Stimme der Übersetzerin leise zurück und begann.

Das Gerichtsverfahren war aber längst beendet, der Einwanderer vielleicht längst wieder in Benin City (zurückgeflüchtet), oder das, wovor er im eigenen Haus sich gefürchtet hatte, war eingetroffen. Die Übersetzerin hat tie a red something übersetzt in die Worte haben mein Haus m- mit roter Farbe bemalt. To tie, das Anbinden, hat sie übersetzt in bemalen.  Vielleicht klang das tie so wie dye, färben. Oder wie die, sterben. Vielleicht hat sie den Auswanderer sagen gehört: m- try come to the house and w- die. M- versuchen in das Haus zu kommen und w- sterben. We die? Wir sterben? Hat sie sich wirklich geirrt? Hat ihre Seele, die fein zuhörende, sich geirrt? Hat sie mehr als aufmerksam zugehört? Hat sie die kardofanische Vorsilbe m- gehört und darum m- übersetzt? „Und haben mein Haus m- mit roter Farbe bemalt.“

Warum wurde die Rede und die Anwesenheit der Übersetzerin aus dem deutschen, rein deutschen Gerichtsprotokoll gestrichen? Warum stand sie im Protokoll verzeichnet, als übersetzte Reden des Richters und Flüchtlings, und war doch gestrichen? Im Protokoll der Gerichtsverhandlung, anders als in der späteren Transskription und Veröffentlichung in der ‚Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien’, stand immer nur die nichtübersetzte, also die deutsche Rede des Richters protokolliert und die übersetzte Rede und Antwort des Rede und Antwort stehenden Flüchtlings. Wurde die Rede der Übersetzerin gestrichen – nämlich das viele viele Englisch, das sie sprach, entweder im Namen des Richters oder im Namen des Flüchtlings –, weil sie insignifikant war? War daraus, daß die Übersetzung insignifikant war, nichts zu schließen? War daraus nicht zu schließen, sondern zu eröffnen: daß Übersetzungen das Insignifikante – das nicht aus Schlüssen zu erschließende Insignifikante – zeigen konnten, das Gestrichene, Versteckte, das Nichtgesagte? War Übersetzung insignifikant? Als ich oben auf der Kuppe aus dem Linienbus gestiegen war und in der Stille saß, auf dem trockenen Gras und im Schatten der Bäume, war ich mit mir uneins. Schon dachte ich voraus an die bevorstehende Gerichtsverhandlung und dachte noch zurück. Vor der Abreise und vor dem langen Flug war ich verwickelt gewesen in Gespräche über die Gedichte von C. B., doch auch in Die Seele und die Formen und seinen Autor, über welchen ich während der zwei Verwicklungen las, er habe plädiert und argumentiert für Gedichte, die eine politische Kraft seien. Warum saß ich weit gereist auf dem langen dürren Gras und im heißen Schatten und wartete auf eine Gerichtsverhandlung, in der alle in einer Sprache sprechen würden, die ich nicht sprach? Mit dem nächsten oder übernächsten Autobus würde ein Übersetzer eintreffen und mir im Gericht beistehen. Allerdings würde mich niemand verhören, der Zuhörer und Verhörer wäre ja ich.

Das österreichische Verwaltungsverfahrensgesetz AVG beschrieb in Paragraph 14 eine besondere Art des Schreibens, nämlich das Niederschreiben; also eine Übertragung oder Übersetzung des Gesprochenen in das Geschriebene, vielleicht vergleichbar dem Diktat in der Volksschule. Nicht ganz vergleichbar, denn in einem Diktat musste jedes Wort geschrieben werden, das diktiert wurde. Paragraph 14 erlaubte aber eine Verkürzung, er erlaubte, daß „bei Weglassung alles nicht zur Sache Gehörigen der Verlauf und Inhalt der Verhandlung richtig und verständlich wiedergegeben wird.“ Aus dem Vergleich zwischen dem amtlichen Protokoll der Verhandlung mit und gegen den Einwanderer aus Benin City am Rande des in die Biafrabucht und den Ozean mündenden, Strom für Strom einströmenden Nigerdeltas und der genauen bis übergenauen Transkription der während der Verhandlung aufgenommenen Tonbandaufnahmen, zum ersten Mal lesbar gemacht in der ‚Wiener Zeitschrift für kritische Afrikastudien’, ergab es sich, daß von dem Recht oder einfach der Erlaubnis, das Ungehörige –also vielleicht das Nichtgehörte – wegzulassen, Gebrauch gemacht worden war. Bei dem Vergleich zwischen Protokolltext und Transkriptionstext sah eine Weglassung, die nicht recht als Weglassung anzusprechen war. Im Protokoll wurden bloß zwei Sprecher genannt und protokolliert, der Richter (namens VL, Verhandlungsleiter) und der Einwanderer (namens BW, Berufungswerber, eine Bezeichnung, die diesem Werber selbst nicht bekannt sein konnte, denn niemand sprach ihn in der englischen Sprache als einen solchen an – und vielleicht wäre sogar die korrekte englische Ansprache – appeal seeker? – für ihn nicht hilfreich gewesen, sein eigenes Tun, sogar wenn es richtig bezeichnet wurde, unbekannt geblieben). Im Transskript  wurden noch zwei genannt. SK, nicht Susanne Kohlhammer, und D, nicht Doderer. Die Schreibkraft und die Übersetzerin oder der. Genauer gesagt die Dolmetscherin oder der. Die Schreibkraft hatte sich im Protokoll als nicht zur Sache gehörig selbst weggelassen – und die Dolmetscherin hatte sie gleichfalls als nicht zur Verhandlung gehörig weggelassen. Diejenige, die die meisten Worte vor Gericht sprach, eigentlich alle Wörter, auch beinahe alle Nichtwörter, Wortanfänge, Halbheiten, Unsicherheiten, die Worte also des Richters, die Worte des Schutzsuchenden und die eigenen, wurde als nicht zur Sache gehörig angesehen, nämlich gar nicht angesehen, sondern weggelassen. Am Schluß des Protokolls, in welchem von ihr kein Wort geschrieben oder niedergeschrieben stand, stand die Unterschrift der Dolmetscherin. Auf die Niederschrift folgte ihre Unterschrift – wie ein Zeichen dafür, daß unter der Schrift die unterschriftliche Übersetzerin lebte und arbeitete. Leipogrammatik, griechisch leipein = weglassen, war meinem Wörterbücher zufolge eine Schrift, die bewusst einen oder mehrere Buchstaben wegließ, aus literarischer Spielerei, oder unbewußt. Siehe Klangmalerei. War eine Niederschrift, die alle Buchstaben, nämlich die Buchstaben und Worte der Dolmetscherin, wegließ, auch als leipogrammatisch anzusehen? War das Weglassen der ganzen Dolmetscherin, sogar bestätigt und unterschrieben von der Dolmetscherin, eine bewusste Handlung, eine unbewußte?

Auf die Reise hatte ich das 1911 veröffentlichte Buch mitgenommen. Ich hatte in mir manchmal das Wort Kulm, das ich nie sprach und nie gesprochen hörte, aber es war nicht weggelassen, es war, so wenig es sagte und so unhörbar es war, zugelassen. Es gehörte zum Leben, nahm nicht deutlich am Leben teil. Manchmal wußte ich wochenlang oder einfach lange Zeit nichts von dem Wort. Manchmal erinnerte ich mich wieder an das Wort und wußte doch kaum etwas von ihm. Es blieb still. Aber es gehörte zum Leben, nicht zum biographischen, geschriebenen Leben, zum protokollarischen Leben, aber zum Leben. Manchmal dachte ich, im Wort Kulm würden die Buchstaben, mit der Ausnahme des Vokals, mit der Ausnahme des Stimmhaften, es würden also die Konsonanten, die Stimmlosen, die Mitstimmenden, es würde die stimmlose Stimme in diesem Wort in der alphabetischen Reihenfolge sprechen k – l – m (so wie die Fluglinie und Luftlinie und Airline KLM). K – l – m, in der alphabetischen Ordnung zwar, nicht aber in der Ordnung des ABC, sondern in der anderen Ordnung, in der Ordnung des KLM. KLM, ein anderes Alphabet? Oder überhaupt kein Alphabet, sondern ein Kappalambda? Aber das meist versteckte aber nicht weggelassene Wort gehörte zum Leben, wie ein Augenblick vielleicht, und der Gegenstand des auf die lange Flugreise mitgenommenen Buchs waren ja die Augenblicke des Lebens und die inneren Lichter und die Nichtexistenz der Niederschrift und die Wahrheit des Essays: „Siehst du, so ungefähr stelle ich mir die Wahrheit des Essays vor.“ Vielleicht erzählte mir das Wort Kulm, daß die Wahrheit konsonantisch war, nicht vokalisch, daß sie stimmlos war oder genauer gesagt mitstimmend (vielleicht nicht zustimmend), daß sie mittönend war. Sie tönte nicht, sondern tönte und schwang mit (und sie konnte auch nachtönen und nachschwingen wie in der Wiener Zeitschrift). Die Mitschwingerin, die Mittönende in dem Gerichtsverfahren war die Dolmetscherin gewesen. Oder war die Wahrheit gewesen? War das Übersetzen ein Mitsingen? Waren die Konsonette leiser als alle Sonette? „Es gibt Fragen, deren Stimme so leise tönt“ – als ich den Satz, der so begann, in Die Seele und die Formen las, wollte ich nicht, daß er sich fortsetzte und jemals zuende ging; wollte ich nicht, daß das so, daß das so leise erklärt und beschrieben wurde. „Es gibt Fragen, deren Stimme so leise tönt“ (

) “daß für sie der Klang des tonlosesten Geschehens schon Lärm wäre.“ War der Essay die leiseste Stimme, die wir hatten? Die neuen Gerichte in Ruanda wurden alle als gacaca  bezeichnet.

„Es gibt Ereignisse, die von keiner Gebärde ausgedrückt werden könnten . . . Einen Menschen, der solches erlebt, drückt nichts Äußeres aus“, schrieb Georg von Lukacs auf einer der ersten Seiten seiner 1911 veröffentlichen Sammlung Die Seele und die Formen.

In der Linken Bahngasse in Wien lag eine Werkstätte, in der es tonlosere Geschehnisse gab als die tonlosesten mit ihrem rohen Lärm und mit ihrer Unwahrheit. Einmal im Verlauf eines Jahres und in manchen Jahren mehr als einmal ging ich frühabends in die Linke Bahngasse (die unweit der Tongasse verlief), in der Hoffnung, daß der so oft geschlossene Rollbalken vor der Werkstatttür aufgezogen wäre und Lichter in den sechs Fenstern leuchteten. War der Rollbalken herabgelassen – Werktag für Werktag – und leuchtete es aus den Fenstern nicht, so war auch an einem hellen Sommerabend kaum zu sehen, was in der weiß angestrichenen Werkstätte lagerte – es war das tonlosere Material nicht zu sehen und seine Klangmalerei. Aber es war zu sehen, daß in den in der Tiefe der Werkstätte und in einem zweiten Raum tiefer werdenden Schatten die tonlosen Rollen und Falten lagen der zusammengefalteten und eingerollten Teppiche und Tücher. Einmal im Jahr, vielleicht mehrere Male, wenn ich aus dem Botanischen Garten nach Hause ging, ging ich in die Linke der beiden Bahngassen zum aufgezogenen Rollbalken und zu den leuchtenden Fenstern, aus denen das gleiche Licht oder die gleiche Farbe leuchtete wie aus dem Haar der Betreiberin der Werkstätte. Oder ich ging und der Rollbalken war geschlossen und die Fenster waren dunkel. Sowohl in die Teppiche wie in die Tücher aus Afrika war etwas gewoben – sie nannte es Einschläge –, von Menschen, die nichts ausdrückte, wie wenn sie die Menschen wären, von denen die Rede war in Die Seele und die Formen, Menschen, die solches erlebt haben und die nichts Äußeres ausdrückte. In die Teppiche waren unerklärliche Unregelmäßigkeiten gewebt. Aber noch stiller und ohne rohen Lärm – und ohne den leisen Lärm der Unregelmäßigkeit – waren die kleinen Einschläge und, wie sie diese allesamt nannte, die Zuckungen, die Zitterpartien in den Tüchern. Dort war nichts zu verstehen, dort drückte nichts Äußeres einen Menschen aus, dort sprachen oder flüsterten die Weberinnen. Wir setzten uns schließlich auf den Boden oder auf Hocker neben den ausgebreiteten Tüchern, die keine Kopftücher waren, sondern mantelgroße Kleidungen zum Schutz gegen Wind, Sand und Kälte, die nicht zugeknöpft wurden, sondern gewickelt wurden und kein bestimmtes Kleidermaß hatten und jeden gleich gut kleideten und keinen Unterschied machten, und wir sagten, daß die winzigen Fäden und Sticheleien, die niemand erkannte, die Händlerinnen und Händler in Afrika längst nicht, die Experten an den Universitäten und Museen für Volkskunde, Ethnologie und Angewandte Kunst nicht, auch die Besucher der Werkstätte in der Linken Bahngasse nicht, leisere als die leisesten Stimmen waren. Die Weberinnen ließen das Leiseste zu. Hörte ich die Weberinnen sprechen ohne den rohen Lärm des Protokolls, so wie die Übersetzerin sprach? „D- do you say you you do- you do not remember, you do not remember the native name or you only called him by the -?“ Darauf sagte der Mann aus Benin: “I don’t know a native name. I w- I w- I know a English name, so I don’t know.”

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